Österreichische Forscher: ESC-Boykotte gegen Israel sind „problematisch und allzu oft antisemitisch“

Österreichische Forscher: ESC-Boykotte gegen Israel sind „problematisch und allzu oft antisemitisch“

Kurz vor dem Eurovision Song Contest in Wien analysieren zwei Wissenschaftler der Österreichischen Akademie der Wissenschaften den Boykottdiskurs rund um Israels Teilnahme — und kommen zu einem klaren Befund.

Kollektivschuld als antisemitisches Grundmuster

Wie oe24 unter Berufung auf ein APA-Gespräch berichtet, bezeichnen der Musikwissenschaftler Elias Berner und der Soziologe Niklas Herrberg vom Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) Israel-Boykottaufrufe als „problematisch und allzu oft antisemitisch“. Das Grundmuster sei konstant: Israelis — und häufig Juden generell — würden kollektiv für Handlungen des israelischen Staates haftbar gemacht, unabhängig von ihrer persönlichen Haltung zur israelischen Regierungspolitik. „Damit wird Menschen eine Kollektivschuld unterstellt und sie werden stigmatisiert“, so Herrberg.

Berner ergänzte, dass israelische und jüdische Künstler verschiedenster Genres zunehmend Schwierigkeiten hätten, international gebucht zu werden — „unabhängig von ihrer oftmals kritischen Positionierung gegenüber der israelischen Regierung.“ Häufig würden dabei klassische antisemitische Motive, Verschwörungstheorien und Übermachtsvorwürfe gegen Israel genutzt.

Boykotte als Karrierestrategie

Interessant ist die Analyse, die Berner und Herrberg zur Frage liefern, warum Künstler trotzdem öffentlichkeitswirksam zu Boykotten aufrufen. Am Beispiel des Schweizer ESC-Gewinners Nemo aus 2024, der die Siegertrophäe aus Protest gegen Israels Teilnahme zurückgab, erläutert Berner gegenüber der APA, dass solche Gesten als Signal inszeniert werden: sich dem Showbusiness zu verweigern und dabei gleichzeitig als mutiger Tabubrecher zu gelten. Das schaffe mediale Aufmerksamkeit — und sei „in gewisser Hinsicht auch ein Verkaufsargument.“ Ähnliches gelte für einen portugiesischen ESC-Teilnehmer, der als Stargast einer propalästinensischen Protestveranstaltung in Wien auftreten werde und damit seinen Bekanntheitsgrad steigere.

Herrberg hält dem Selbstbild als Tabubrecher entgegen: Kritik an Israel und Boykottaufrufe seien in der Kulturszene „alles andere als eine Seltenheit.“ Wer so agiert, breche in Wirklichkeit kein Tabu.

ESC als Spiegel gesamtgesellschaftlicher Debatten

Die Forscher betonen, dass ihr Ziel nicht ist, einzelne Künstler des bewussten Antisemitismus zu bezichtigen. Wie Herrberg gegenüber der APA erklärt, müsse jemand, der etwas Antisemitisches sagt, „kein überzeugter Antisemit sein“ — antisemitische Motive könnten auch jenseits der persönlichen Intention reproduziert werden. Die Forschungsergebnisse des ÖAW-Projekts werden bis Spätsommer erwartet.

Als besonders aufschlussreich bezeichnen die Forscher die Buhrufe gegen die israelische Sängerin Yuval Raphael beim ESC 2025. Diese sei eine Überlebende des Nova-Festival-Massakers vom 7. Oktober 2023 — doch die Empathie der Protestierenden erstrecke sich ausschließlich auf Opfer des Gazakriegs, nicht auf die Person im Raum.

Credits: APA

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