18 Prozent. Das ist die Zahl, die man im Hinterkopf behalten sollte, während Andreas Babler am Wiener Rathausplatz steht und so tut, als wäre alles in Ordnung.
Der Vizekanzler, der sich für einen Oppositionspolitiker hält
Babler ist kein guter Redner. Das ist kein Geheimnis — das weiß man in der SPÖ selbst. Trotzdem stand er am 1. Mai vor tausenden Menschen und lieferte Sätze, die klingen, als käme er gerade aus der Opposition: gegen die Reichen, gegen die Mächtigen, gegen das System.
Das Problem: Er ist Teil des Systems. Er ist Vizekanzler. Er trägt Verantwortung für ein Budget, das er in seiner eigenen Rede als nicht „zwingend sozialdemokratisch“ bezeichnete — wie nachrichten.at berichtete. Das ist bemerkenswert offen. Und bemerkenswert hilflos. Wer sein eigenes Regierungshandeln vor der eigenen Basis halbherzig verteidigt, hat die Kontrolle über die Erzählung längst verloren.
Wien. 18 Prozent. Sinkend.
Laut Lazarsfeld-Umfragen liegt die SPÖ bundesweit bei 18,3 Prozent — ein Minus von fast drei Prozentpunkten gegenüber dem ohnehin historisch schwachen Nationalratswahlergebnis 2024. Und es wird nicht besser.
In Wien, der Stadt, die seit Generationen als roter Fixstern gilt, droht laut heute.at erstmals eine FPÖ vor der SPÖ. Wer das für eine Randerscheinung hält, versteht nicht, was gerade passiert. Wien ist nicht irgendein Bundesland. Wien ist das Fundament, auf dem die gesamte Selbstwahrnehmung der Partei ruht. Bricht das weg, bricht viel weg.
Und dann ist da noch diese Zahl aus einer heute.at-Umfrage: Nur 32 Prozent der 30- bis 59-Jährigen sehen die SPÖ noch als Interessenvertretung der Werktätigen. 57 Prozent nicht. Die Kernzielgruppe dieser Partei glaubt ihr nicht mehr. Das ist kein Imageproblem. Das ist eine Existenzfrage.
Was am Rathausplatz sonst noch passierte
Während Babler oben auf der Bühne seine Botschaften platzierte, zeigten weiter unten Mitglieder der Jungen Generation ein Transparent mit der Forderung nach Enteignungen von Privatjet-, Jacht- und Bergchalet-Besitzern — als Klimaschutzmaßnahme. Die Sozialistische Jugend hielt Plakate für den ESC-Ausschluss Israels hoch, wie oe24 berichtete — eine Position, die der Linie der eigenen Bundesregierung direkt widerspricht.
Aus der Parteizentrale: kein Wort.
Das ist kein Zufall. Babler braucht den linken Flügel. Er kann es sich nicht leisten, ihn zu verprellen. Nur zahlt er dafür nach außen einen Preis, der mit jedem solchen Auftritt höher wird — und in den Umfragen sichtbar ist.
Was bleibt
Die SPÖ kann Maiaufmärsche. Sie kann Fahnen und Transparente und Emotionen. Was sie gerade nicht kann: erklären, warum jemand, der noch nicht überzeugt ist, ihr seine Stimme geben sollte.
Ein Vizekanzler, der klingt wie ein Oppositionspolitiker. Eine Jugend, die Enteignungen fordert und Israel boykottieren will. Ein Budget, das der eigene Parteichef nicht wirklich verteidigt.
Das ist kein Programm. Das ist Feststimmung als Ersatz für Antworten.
Und Feststimmung wählt nicht.
Credits: APA
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