12,59 Arztbesuche pro Österreicher im Jahr – mehr als in jedem anderen europäischen Land. Der Thinktank Agenda Austria sieht das als Beleg für seinen umstrittenen Vorschlag: 700 Euro Selbstbehalt für alle.
Die Forderung: Zehn Prozent, maximal 700 Euro
Mitten in die laufenden Budgetverhandlungen zwischen Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) und seinen Ministerkollegen hat die wirtschaftsliberale Denkfabrik Agenda Austria ein Reformpaket vorgelegt. Kernforderung im Gesundheitsbereich: Jeder Bürger soll künftig zehn Prozent seiner Arztrechnungen selbst tragen – gedeckelt bei 700 Euro pro Jahr. Wie heute.at berichtete, soll damit nicht nur das Budget entlastet werden. Die Experten argumentieren auch, dass unnötige Arztbesuche so abnehmen und Wartezeiten kürzer werden würden. Das Einsparungspotenzial für den Staat: alleine 2026 rund 1,6 Milliarden Euro.
Wie die Agenda Austria auf ihrer Website erläutert, ist die Selbstbehalt-Regelung nur einer von sechs Punkten eines umfassenderen Sparpakets, das bis 2029 ein Konsolidierungspotenzial von bis zu 34 Milliarden Euro bieten soll.
Österreich führt europäisches Ranking an – weit vor Deutschland
Nun legte die Agenda Austria Daten nach, die ihr Argument untermauern sollen. Wie heute.at berichtete, geht aus einer neuen Statistik des Thinktanks hervor, dass Österreich mit durchschnittlich 12,59 Arztbesuchen pro Person und Jahr unangefochtener Spitzenreiter in Europa ist. Dahinter folgen die Slowakei mit 10,98 und Ungarn mit 10,92. Deutschland kommt auf 9,80, Frankreich auf 5,50 – und am unteren Ende landen die skandinavischen Länder: Norwegen mit 3,80, Schweden mit 3,16, Finnland mit 4,40. Malta bildet mit gerade einmal 3,03 das Schlusslicht – ein Viertel des österreichischen Werts.
Agenda-Ökonom Hanno Lorenz zog daraus eine klare Schlussfolgerung: „Klar ist, dass das Gesundheitssystem nicht alle Wünsche finanzieren kann. Wer sich ohne medizinische Indikation jede Woche teuren Untersuchungen unterziehen möchte, sollte hierfür auch die Kosten tragen.“
SPÖ und FPÖ schlagen Alarm
Der Vorschlag stößt auf massiven Widerstand. Wie heute.at zuvor berichtet hatte, warnte SPÖ-Gesundheitssprecher Rudolf Silvan: „Wer Selbstbehalte für alle Arztbesuche einführt oder erhöht, verkürzt nicht Wartezeiten, sondern potenziell Leben.“ Chronisch Kranke, ältere Menschen und Geringverdiener würden seltener zum Arzt gehen – mit möglichen Folgen für ihre Gesundheit.
FPÖ-Sozialsprecherin Dagmar Belakowitsch bezeichnete den Vorschlag laut heute.at als „asozialen Generalangriff auf den österreichischen Sozialstaat“ und als „Strafsteuer für Kranke.“ Ihr Fazit: „Wer es sich leisten kann, bekommt eine Behandlung, der Rest schaut durch die Finger.“
Reformdruck unübersehbar
Die Agenda Austria lässt sich davon nicht beirren. Der Reformdruck sei „unübersehbar“, ohne Gesundheitsreform würden die Ausgaben in den kommenden Jahren unkontrollierbar steigen. Und die Statistik zeige: Länder mit Selbstbehalten – wie Norwegen oder Finnland – kommen mit deutlich weniger Arztbesuchen aus.
Credits: APA
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