Explodierende Kosten, ein Milliardenloch im Güterverkehr und Rechnungshof-Kritik: Die ÖBB stehen unter erheblichem Druck. Verkehrsminister Hanke und ÖBB-Chef Matthä arbeiten bereits an einem tiefgreifenden Umbau des Konzerns.
38 Milliarden Euro Schulden – und noch mehr kommt
Wie der Trendreport vom 22. Mai 2026 dokumentiert, ist der Schuldenberg der ÖBB auf rund 38 Milliarden Euro angewachsen – ein Wert, der selbst die zehnmal so große Deutsche Bahn übertrifft. Dazu kommt die Belastung durch laufende Bahnprojekte: Allein aus bereits beschlossenen und begonnenen Infrastrukturvorhaben werden im Rahmen des neuen ÖBB-Rahmenplans 2027–2032 in den nächsten sechs Jahren fast 20 Milliarden Euro an Rückzahlungen fällig. Werden alle weiteren geplanten Bauvorhaben umgesetzt, kommen danach noch einmal 40 bis 50 Milliarden Euro dazu. Rein rechnerisch dauert die Rückzahlung aller Verpflichtungen bis in die 2070er-Jahre, wie trend berichtet. Für den Personenverkehr fließen laut exxpress bis 2034 zudem mehr als 15 Milliarden Euro an staatlichen Zuschüssen.
Trotzdem setzt die Politik beim Bahnausbau nur geringfügig den Sparstift an: Die aktuelle Neufassung des Rahmenvertrags brachte gerade einmal 200 Millionen Euro an verschobenen Projektkosten – gleichzeitig konnte die ÖBB laut trend zusätzliche fünf Milliarden Euro an Erhaltungssubventionen herausholen, statt der bisherigen 3,2 Milliarden.
Rail Cargo tief in der Verlustzone
Besonders ernst ist die Lage im Güterverkehr. Wie die Fachzeitschrift verkehr.co.at aus dem ÖBB-Jahresabschluss 2025 berichtet, verzeichnete die Rail Cargo Group (RCG) im Vorjahr ein Ergebnis vor Steuern von minus 135,5 Millionen Euro – nach minus 24,5 Millionen im Jahr davor und einem Gewinn von 121 Millionen Euro vier Jahre zuvor. Ursachen sind laut verkehr.co.at schwache Industrieproduktion, scharfer Wettbewerb durch den Lkw, steigende Energiepreise und instabile europäische Schienennetze – insbesondere die Krise der deutschen Bahn-Infrastruktur mit ihren zahlreichen Baustellen und Streckensperren. Wie ernst die Lage intern eingeschätzt wird, zeigt laut trend ein ungewöhnlicher Schritt: Der Chefposten der Rail Cargo soll nach dem Abgang des bisherigen Leiters vorerst gar nicht nachbesetzt werden.
Konzernumbau unter Hanke und Matthä
Verkehrsminister Peter Hanke (SPÖ) und ÖBB-Generaldirektor Andreas Matthä arbeiten laut exxpress bereits an konkreten Reformplänen. Mehrere Managementebenen sollen abgebaut, Verwaltungskosten gesenkt und Macht in der Holding gebündelt werden. Tochtergesellschaften könnten zusammengelegt oder umgebaut werden. Ziel ist es, den fast 50.000 Mitarbeiter starken Konzern effizienter aufzustellen. Kritiker bezeichnen das intern laut exxpress als „kleine Revolution“ für das traditionsreiche Unternehmen.
Rechnungshof mit scharfer Kritik
Gegenwind kommt auch vom Rechnungshof, wie exxpress und der Rechnungshof selbst in mehreren Berichten dokumentieren. Die Prüfer werfen der ÖBB vor, jahrelang mehr Zugverbindungen angeboten zu haben, als mit Personal und Wagenmaterial tatsächlich bewältigt werden konnten. Die Kombination aus Angebotsausweitungen, dem günstigen Klimaticket und knappen Ressourcen habe das System an die Belastungsgrenze geführt. Der Rechnungshof forderte, das Angebot stärker an die „tatsächliche Leistungsfähigkeit der Flotte“ anzupassen.
EINORDNUNG DER REDAKTION
Die ÖBB stecken in einem strukturellen Dilemma: Als Rückgrat der österreichischen Mobilitätswende sollen sie mehr leisten – aber mit weniger Geld. Die aktuelle Reformdebatte ist damit weniger eine freiwillige strategische Entscheidung als eine Reaktion auf ökonomischen Druck von mehreren Seiten gleichzeitig: Güterverkehr in der Verlustzone, Rechnungshof-Kritik am Personenverkehr, explodierende Infrastrukturschulden und ein angespanntes Staatsbudget. Dass der neue ÖBB-Rahmenplan als „Sparmaßnahme“ verkauft wird, dabei aber de facto mehr Subventionen beinhaltet als der alte, ist dabei bezeichnend: Die strukturelle Abhängigkeit des Konzerns von staatlichen Mitteln hat sich durch den Bahnausbau der vergangenen Jahrzehnte so tief ins System eingegraben, dass auch ein umfassender Umbau der Konzernstruktur an den Grundproblemen wenig ändern dürfte.
Credits: ÖBB / Hummel
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