WSJ-Korrespondent Bojan Pancevski hat nach vier Jahren Recherche ein Buch über den größten Sabotageakt der modernen Geschichte veröffentlicht. Seine zentrale These: Der ukrainische Präsident wusste davon – und gab zumindest zunächst grünes Licht.
Die These: Selenskyj und Saluschnyj gaben Auftrag
Am 26. September 2022 wurden drei von vier Leitungen von Nord Stream 1 und 2 im Ostseegrund gesprengt. Wer dahintersteckt, blieb jahrelang offiziell ungeklärt. Der Chefkorrespondent des Wall Street Journal für Europa, Bojan Pancevski, liefert in seinem gerade erschienenen Buch „Die Nord-Stream-Sprengung – die wahre Geschichte der Sabotage, die Europa erschütterte“ nun eine detaillierte Rekonstruktion.
Wie die NZZ in einem ausführlichen Interview mit Pancevski berichtete, soll die Idee zur Sprengung bereits im März 2022, einen Monat nach Kriegsbeginn, entstanden sein. Den Auftrag zur Ausführung soll der damalige ukrainische Oberkommandierende Walerij Saluschnyj erteilt haben. Selenskyj habe – laut Pancevski unter Berufung auf Saluschnyj selbst und dessen Berater – dem Anschlag zumindest vorerst zugestimmt. Die Planung erfolgte bei einem nächtlichen Treffen in Kiew im Mai 2022.
300.000 Euro Budget, eine Jacht, sechs Taucher
Das eigentlich Verblüffende an der Rekonstruktion ist die Schlichtheit der Operation. Wie Infosperber unter Berufung auf Pancevski berichtete, wurde die Aktion mit lediglich 300.000 Euro Budget finanziert – von ukrainischen Geschäftsleuten. Eine sechsköpfige Crew auf einer gemieteten Segelyacht – der „Andromeda“ – führte den Anschlag aus. Zivile Taucher, die Pancevski laut NZZ als Patrioten beschreibt, brachten den Sprengstoff in 80 Metern Tiefe an den Leitungen an. Soldaten komplettierten die Crew.
Der Bundesgerichtshof verwarf im Januar 2026 laut Berliner Zeitung die Haftbeschwerde eines ukrainischen Beschuldigten und ging dabei davon aus, dass die Explosionen von ukrainischer Seite veranlasst wurden und möglicherweise staatlich gesteuert waren. Die Bundesanwaltschaft ermittelt weiter.
Selenskyj soll versucht haben, die Aktion zu stoppen – zu spät
Eine entscheidende Wendung in Pancevskis Darstellung: Als die CIA im Sommer 2022 Wind von der Operation bekam und die Ukraine warnte, soll Selenskyj versucht haben, die Aktion zu stoppen. Laut Berliner Zeitung war es zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits zu spät. Das ukrainische Präsidialamt weist sowohl die ursprüngliche Zustimmung als auch den angeblichen Rückzieher kategorisch zurück.
Zwei Bücher, zwei unterschiedliche Schlüsse
Bemerkenswert: Zeitgleich mit Pancevskis Werk erschien ein zweites Buch über den Anschlag – von den deutschen Investigativjournalisten Oliver Schröm und Ulrich Thiele. Sie kommen zu einem anderen Schluss: Die Sprenger seien dezidierte Gegner Selenskyjs gewesen und hätten den Anschlag auf eigene Faust durchgezogen, ohne Wissen der höchsten Staatsführung. Wie die Berliner Zeitung berichtete, widersprechen sich beide Recherchen in genau diesem zentralen Punkt. Gerichtsfest bewiesen ist die volle politische Verantwortung bisher nicht.
Die Bundesregierung verweigert derweil jegliche Stellungnahme zu den Enthüllungen. SPD-Bundestagsabgeordneter Timon Gremmels hatte die Frage nach der Verantwortung für Nord Stream zuletzt als für die Bundesregierung „völlig irrelevant“ bezeichnet.
Credits: APA
Neueste Kommentare