22 Angeklagte, darunter Geheimagenten, Soldaten und Polizisten – verbunden durch eine einzige Pariser Freimaurerloge. Der „Athanor“-Prozess legt offen, wie sich eine Bruderschaft in eine kriminelle Auftragskillertruppe verwandelte.
70.000 Euro für eine Ermordung – und alles begann mit Berufsneid
Es war ein Konkurrenzstreit im Coaching-Milieu, der das ganze Netzwerk zu Fall brachte. Jean-Luc Bagur, 69, Waffensammler und „ehrwürdiger Meister“ der Freimaurerloge „Athanor“ im Pariser Vorort Puteaux, beauftragte laut Ermittlungen seinen Logenbruder Frédéric Vaglio, die Unternehmensberaterin Marie-Hélène Dini auszuschalten. Preis: 70.000 Euro. Wie Euronews berichtete, ließ Vaglio den Auftrag über den pensionierten Inlandsgeheimdienstler Daniel Beaulieu weiterreichen. Der 72-jährige Ex-DCRI-Agent schickte zwei Soldaten los – die beiden glaubten dabei laut eigenen Aussagen, im Auftrag des französischen Staates eine Mossad-Agentin zu eliminieren.
Der Anschlag am 24. Juli 2020 scheiterte. Marie-Hélène Dini überlebte und erklärte laut dem Luxemburger Portal L’Essentiel: „Ich hatte großes Glück, dadurch konnten andere Vorhaben rechtzeitig verhindert werden.“
Vor Dini: Mord an einem Rennfahrer im Wald
Der Mordversuch an Dini war nicht der Anfang – sondern nur der Punkt, an dem die Ermittler auf die Spur kamen. Bereits im November 2018 war der Rennfahrer Laurent Pasquali verscharrt in einem Wald gefunden worden. Sein Vergehen: angebliche Schulden bei Logenbrüdern. Wie report24.news unter Berufung auf AFP berichtete, wurde er auf Bestellung Beaulieus von dessen bewaffnetem Handlanger Sébastien Leroy getötet. Leroy behauptet bis heute, er sei manipuliert worden und habe geglaubt, für den Staat zu morden.
Dazu kommen laut Euronews ein weiterer versuchter Mord – an Gewerkschafter Hassan Touzani, der seinen Arbeitgebern unbequem war – sowie Überfälle, Diebstähle und Brandstiftung.
Wer sitzt auf der Anklagebank?
Das Erschreckende an dem Fall ist die Zusammensetzung der Angeklagten. Wie report24.news berichtete, sitzen unter den 22 Beschuldigten vier Militärs des Auslandsgeheimdienstes DGSE, zwei Polizisten, ein pensionierter Offizier des Inlandsgeheimdienstes DGSI sowie mehrere Unternehmer. 13 von ihnen droht lebenslange Haft.
Opferanwalt Jean-William Vezinet fasste die gesellschaftliche Dimension laut Euronews so zusammen: „Das Erschreckende ist, dass die Schlüsselfiguren in diesem Fall – Polizisten, Ex-Agenten und Freimaurer – genau die Menschen sind, die eigentlich für das Wohl der Gesellschaft handeln sollten.“
Hauptbelastungszeuge schweigt – aus gesundheitlichen Gründen
Daniel Beaulieu, der als zentrale Schalt- und Führungsfigur gilt, wird dem Gericht kaum zur Aufklärung dienen können: Sein Selbstmordversuch in der Untersuchungshaft hat ihn laut seinem Anwalt mit schweren Konzentrationsstörungen zurückgelassen. Der Prozess vor dem Pariser Schwurgericht soll mindestens dreieinhalb Monate dauern. Für alle Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung.
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