NEOS-Abgeordneter Dengler: „Ich hätte diese Koalition nicht gemacht“

NEOS-Abgeordneter Dengler: „Ich hätte diese Koalition nicht gemacht“

Selten hört man aus einer Regierungspartei so klare Worte: NEOS-Nationalratsabgeordneter Veit Dengler hat öffentlich eingestanden, dass er persönlich gegen den Eintritt in die Dreierkoalition gewesen wäre – und warnt vor dem, was passiert, wenn die Reformen ausbleiben.

Klare Ansage im Podcast

Der Schauplatz: der ORF-Podcast „Rohrer bei Budgen“ mit Innenpolitik-Journalistin Anneliese Rohrer und ORF-Mann Patrick Budgen. Der Gast: Veit Dengler, NEOS-Abgeordneter, ehemaliger NZZ-Medienmanager und NEOS-Mitgründer. Und die Aussage: ungewöhnlich direkt für einen aktiven Koalitionspolitiker.

„Ich finde, wir hätten beide sehr gut SPÖ und ÖVP eine Regierung machen lassen“, sagte Dengler laut oe24. Eine Zweierkoalition aus Rot und Schwarz hätte nur ein Mandat mehr als nötig gehabt – NEOS hätten als Zünglein an der Waage im Parlament trotzdem Einfluss gehabt, ohne formell Teil der Regierung zu sein. Sein Fazit: „Ich hätte es nicht gemacht.“ Gleichzeitig räumt Dengler ein, dass er den Schritt nachvollziehen könne: NEOS sei aus einem „Verantwortungsbewusstsein für das Land“ in die Koalition eingetreten.

Gegenüber dem exxpress wurde Denglers Linie noch deutlicher: Die Entscheidung sei für ihn bis heute kritisch. Doch wer in die Regierung gehe, trage Verantwortung – und die Messlatte liege entsprechend hoch.

Reformstau und FPÖ-Fatalismus

Denglers eigentliche Warnung richtet sich aber nach vorn. Im Podcast beschreibt er zwei Denkschulen innerhalb der Koalition: Die einen wollten große Reformen. Die anderen würden das Land „vor sich hin verwalten, bis die FPÖ dann übernimmt.“ Dieser Fatalismus – die stille Akzeptanz eines blauen Machtübernahme-Szenarios – ist für Dengler gefährlich. „Ich würde das gerne verhindern mit Reformen“, sagt er, wie oe24 berichtet.

Konkret nennt er das Pensionssystem als dringendsten Handlungsbedarf: Das effektive Pensionsantrittsalter müsse steigen, eine kapitalgedeckte Säule müsse kommen. Das Pensionsloch sei mehr als doppelt so groß wie das Budgetdefizit – ohne diese Last hätte Österreich Überschüsse. Wie das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) zuletzt errechnete, droht die Staatsverschuldung bis 2026 auf fast 85 Prozent des BIP zu steigen, was Österreich deutlich über dem Schnitt der bestbewerteten EU-Länder positioniert.

Nur eineinhalb Jahre Reformfenster

Dengler sieht ein enges Zeitfenster. Weil bis 2027 keine Landtagswahlen anstehen, gebe es jetzt eineinhalb Jahre, in denen die Koalition tatsächlich handeln könnte, ohne ständig auf regionale Wahlkämpfe Rücksicht nehmen zu müssen. Dieses Fenster dürfe nicht verschenkt werden.

Gleichzeitig macht Dengler keinen Hehl daraus, wie begrenzt der Einfluss der NEOS als kleinster Koalitionspartner ist. Gegenüber dem Kurier sagte er bereits im Herbst: „Das Land braucht große Reformen, und ich stimme allen zu, die sagen: Hier muss viel mehr passieren.“ Beim parteiinternen Treffen im Herbst 2025 hatte NEOS-Chefin Beate Meinl-Reisinger die bisherige Regierungsarbeit noch gelobt – Denglers Podcast-Auftritt klingt wie eine stille Gegendarstellung.

Strukturfrage: Wahlrecht und Parteienfinanzierung

Denglers Diagnose reicht über die aktuelle Koalition hinaus. Er sieht das österreichische Wahlrecht selbst als Teil des Problems: Abgeordnete seien zu stark ihrer Partei verpflichtet – und zu wenig den Wählern. Eine Kulturänderung sei nötig, weg vom Parteiapparat, hin zum direkten Wählerauftrag. Auch die Parteienfinanzierung nennt er als strukturellen Bremsblock.

Seinen Appell fasst Dengler am Ende des Podcasts in einen einzigen Satz: „Mir fehlt der Mut in der Politik. Ich verstehe das nicht, denn: Was will ich auf meinen Grabstein stehen haben?“


Quellen: oe24.at (25.02.2026) · exxpress.at (25.02.2026) · ORF-Podcast „Rohrer bei Budgen“ (Februar 2026) · Kurier (Herbst 2025) · WIFO · Österreichisches Parlament (Budgetdebatte 2025) · NEOS Parlamentsklub

Credits: Parlamentsdirektion/Thomas Topf

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