Der Druck der Straße hat gewirkt: Nach sechs Tagen anhaltender Proteste hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nun auch Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj entlassen. Neuer Armeechef wird Mychajlo Drapatyj.
Die Ankündigung
Selenskyj teilte die Personalentscheidung am Dienstag auf seinem Telegram-Kanal mit. Zunächst hatte der Präsident trotz wachsender Kritik an seinem seit 2024 amtierenden Oberkommandierenden festgehalten – auch nachdem er bereits eine Woche zuvor den populären Politiker Mychajlo Fedorow als Verteidigungsminister entlassen hatte. Ausdrücklich dankte Selenskyj dem scheidenden General und würdigte dessen militärische Verdienste bei der Verteidigung Kiews, der Gegenoffensive im Raum Charkiw sowie der Operation in der russischen Region Kursk.
Der Auslöser: Ein öffentlich gemachter Richtungsstreit
Ausgangspunkt der Eskalation war der offen ausgetragene Konflikt zwischen dem erst 35-jährigen Fedorow und dem noch zu Sowjetzeiten ausgebildeten, 60-jährigen Syrskyj. Im Kern ging es dabei um einen Richtungsstreit in der Kriegsführung: Fedorow stand vor allem für die auch im Westen gelobten Drohneneinsätze gegen russische Ziele und galt als Reformer. Wie t-online berichtet, äußerte sich Syrskyj selbst erst kurz vor seiner Entlassung in der offiziellen Militärzeitschrift „Militarnyj“ und zeigte sich überrascht davon, überhaupt von einem Konflikt mit dem entlassenen Verteidigungsminister erfahren zu haben.
Sechs Tage Straßenproteste
Seit der Entlassung Fedorows waren in Kiew und anderen ukrainischen Städten sechs Tage in Folge mehrere Tausend, vor allem junge Menschen auf die Straße gegangen. Die Demonstranten forderten sowohl die Wiedereinsetzung Fedorows als auch – als Hauptforderung – die Ablösung Syrskyjs. Aus Militärkreisen gab es zeitgleich aber auch offene Unterstützung für den bisherigen Oberbefehlshaber. Bereits am Samstag hatte Selenskyj in seiner täglichen Videoansprache erklärt, er höre auf das, was die Menschen sagten, und habe ausführliche Gespräche sowohl mit Fedorow als auch mit Syrskyj geführt.
Was aus Fedorow wird
Laut Selenskyj habe man Fedorow einen „angemessenen Posten“ angeboten, um künftig den technologischen Bereich des Staates zu leiten. Konkrete Details zu dieser neuen Funktion wurden bislang nicht bekanntgegeben. Selenskyjs Sprecher Dmytro Lytwyn bestätigte, dass am Dienstagabend ein weiteres Gespräch zwischen dem Präsidenten und Fedorow stattgefunden habe. Fedorows bisherigen Posten als Verteidigungsminister hatte bereits am Freitag geschäftsführend der bisherige Geheimdienstchef Jewhenij Chmara übernommen – dessen Bestellung muss allerdings noch vom Parlament bestätigt werden.
Wer der neue Armeechef ist
Mychajlo Drapatyj ist in der ukrainischen Armee kein Unbekannter: Der Brigadegeneral kommandierte zuvor unter anderem die 58. separate motorisierte Infanteriebrigade sowie die Operativgruppe der Truppen im Gebiet Cherson. Bereits im Juni 2025 hatte er nach einem russischen Raketenangriff auf einen Ausbildungsplatz mit mindestens zwölf toten Soldaten seinen Rücktritt als Kommandeur der Landstreitkräfte angeboten – Selenskyj lehnte diesen damals ab und betraute ihn stattdessen mit dem Kommando über die vereinigten Streitkräfte der Ukraine.
Ein „Schuss ins eigene Knie“
Der österreichische Militärexperte Gustav Gressel von der Landesverteidigungsakademie in Wien bewertete bereits Fedorows ursprüngliche Entlassung gegenüber der APA als „Schuss ins eigene Knie“. Eine „Rekordsumme an finanziellen Zusagen der internationalen Partner und an Verträgen für die verteidigungsindustrielle Kooperation“ sei Fedorow „zu einem sehr großen Teil zu verdanken“. Syrskyj selbst sei zwar „ein guter Taktiker“ gewesen, habe aber auch „schwer nachvollziehbare Entscheidungen“ getroffen – etwa das zu lange Festhalten an der ostukrainischen Stadt Bachmut, das laut Gressel „nur herbe Verluste“ gebracht habe. Auch die Kursk-Offensive sei letztlich „eine Kräfteverschwendung“ gewesen, so der Experte, der zudem kritisierte, die Ukraine schöpfe personell und materiell nicht aus dem Vollen.
Credits: BKA, Christopher Dunker
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