Er wollte vor dem sicheren Tod an der Front in ein europäisches Gefängnis fliehen: Roman D., der im März im Zentrum von Amsterdam fünf Menschen mit einem Messer verletzte, ist ein 30-jähriger ukrainischer Soldat, der während eines genehmigten Heimaturlaubs aus dem ukrainischen Militär desertierte. Das niederländischen Nachrichtenmagazins Nieuwsuur berichtet nun über sein Motiv für die Bluttat.
Laut Aussagen ehemaliger Kameraden sprach Roman D. bereits in der Ukraine wiederholt davon, jemanden in einem europäischen Land – konkret in Norwegen – töten zu wollen, um lebenslang in Haft genommen zu werden. Norwegen sei für ihn wegen seines humanen Strafvollzugs besonders attraktiv gewesen. Sein früherer Kommandant, Jurij Maljuta, berichtet, D. habe sich intensiv mit Strafgesetzen europäischer Länder beschäftigt, um herauszufinden, wie er eine möglichst lange Haftstrafe erwirken könne. Schon damals habe er Anzeichen einer psychischen Störung gezeigt.
Justiz ermittelt wegen Terrorverdachts
Roman D.s Mutter, die nach der russischen Invasion nach Tschechien geflohen ist, zeigt sich fassungslos. „Er war gut in der Schule, hatte keine schlechten Freunde“, sagte sie gegenüber Nieuwsuur. Ihren Angaben zufolge hatte ihr Sohn behauptet, sie besuchen zu wollen – tatsächlich soll er direkt aus der Ukraine nach Amsterdam gereist sein. Seit Beginn des Krieges hätten sie keinen Kontakt mehr gehabt. Die niederländischen Behörden werfen Roman D. versuchten Mord oder Totschlag mit terroristischem Hintergrund vor.
Nach der Tat hatte die Polizei zunächst Schwierigkeiten, die Identität des Mannes festzustellen. Er führte mehrere gefälschte Ausweispapiere bei sich, die auf die Namen von fünf ehemaligen Kameraden aus dem ukrainischen Militär ausgestellt waren. Diese Männer wurden mittlerweile in der Ukraine als Zeugen befragt.
„Der Traum eines Idioten ist wahr geworden“
Viele seiner früheren Kameraden berichten heute, sie hätten D.s bizarre Äußerungen über Gefängnisse nie ernst genommen. Sie hielten es für schwarzen Humor oder Übertreibung. Rückblickend sehen manche seine Tat nun in einem anderen Licht. „Als ich hörte, was Roman getan hat, dachte ich: Der Traum eines Idioten ist wahr geworden“, so Kommandant Maljuta.
Ein anderer Soldat, Viktor Bystryk, erinnert sich an ein Gespräch am Lagerfeuer: „Er sagte: ‚Ich gehe ins Gefängnis nach Europa. Das Essen ist gut, man muss nichts tun.‘ Wir dachten, er macht Witze.“ Doch nach seinem Kopftrauma 2023, ausgelöst durch eine Granatenexplosion in der Region Cherson, habe sich Roman D. zunehmend verändert. Er litt unter Schwindelanfällen und wurde in eine administrative Funktion versetzt. Dort soll er immer mehr in die Isolation geraten sein.
Verbindung zu Russland?
Roman D. stammt aus Sartana im Gebiet Donezk, das inzwischen von Russland kontrolliert wird. Diese Herkunft hat zu Spekulationen geführt, ob seine Tat Teil einer verdeckten russischen Operation sein könnte. Europäische Nachrichtendienste warnen seit Längerem vor Versuchen Moskaus, westliche Gesellschaften gezielt zu destabilisieren. D.s frühere Kameraden zeigen sich jedoch skeptisch: „Er hat jahrelang gegen die Russen gekämpft – kaum vorstellbar, dass er plötzlich mit ihnen zusammenarbeitet.“ Ganz ausschließen wollen sie es aber nicht. Möglich sei, dass jemand aus seiner Heimatregion ihn kontaktiert habe.
Die niederländische Staatsanwaltschaft erklärte auf Anfrage, man prüfe derzeit alle denkbaren Szenarien.

Credits: APA/Screenshot
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