Es klingt wie ein Agententhriller: Der flüchtige Ex-Wirecard-Manager Jan Marsalek soll sich gegenüber seinem russischen Agentenführer gebrüstet haben, am Sturz von Sebastian Kurz beteiligt gewesen zu sein. Das geht laut dem britischen “Telegraph” aus österreichischen Ermittlungsakten hervor. Ob an der Behauptung etwas dran ist, ist völlig offen. Kurz selbst äußert sich bisher nicht.
“Erfolgreich gestürzt”
Laut “Telegraph”, auf den sich der “Standard” beruft, schrieb Marsalek im Oktober 2021, rund zwei Wochen nach Kurz’ Rücktritt als Bundeskanzler, man habe den Kanzler “erfolgreich gestürzt”. Als Mittel nennt er die Beschlagnahme des Mobiltelefons jenes Mannes, der dessen “geheime Wahlkampffinanzierung” managen würde. Gemeint ist offenbar Thomas Schmid, der frühere Generalsekretär im Finanzministerium und spätere Chef der Staatsholding ÖBAG. Die Chats auf Schmids beschlagnahmtem Handy hatten die Ermittlungen ausgelöst, die 2021 zu Kurz’ Rücktritt führten. Adressat der Nachrichten war laut “Standard” Orlin Roussev, ein Bulgare, der als Anführer eines russischen Spionagerings in Großbritannien verurteilt wurde.
Was dagegen spricht
Ein Beleg für eine russische Beteiligung am Sturz von Kurz ist das nicht. Das Handy von Thomas Schmid wurde von der österreichischen Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft im Rahmen eigener Ermittlungen beschlagnahmt, nicht von einem ausländischen Geheimdienst. Wie Marsalek oder Russland darauf Einfluss genommen haben sollen, geht aus den bisher bekannten Nachrichten nicht hervor. Ebenso möglich ist, dass Marsalek gegenüber seinem Auftraggeber übertrieb oder sich mit fremden Federn schmückte – in der Welt der Nachrichtendienste ist es nicht ungewöhnlich, eigene Erfolge größer darzustellen, als sie waren. Kurz trat im Oktober 2021 nach Hausdurchsuchungen im Zusammenhang mit der sogenannten Inseratenaffäre zurück. Die Vorwürfe gegen ihn hat er stets bestritten, es gilt die Unschuldsvermutung.
“Für uns gearbeitet”
In den Nachrichten soll Marsalek laut einem weiteren Bericht auch von “einem Typen” sprechen, der “tatsächlich eine Zeit lang für uns gearbeitet hat”, nun aber “Opfer einer Hexenjagd durch das Team des ehemaligen Bundeskanzlers” sei. Wer damit gemeint ist, nennen die Berichte nicht. Die Nachrichten zwischen Marsalek und Roussev liegen laut “Telegraph” in den Akten eines österreichischen Ermittlungsverfahrens wegen Unterstützung eines ausländischen Geheimdienstes. Untersucht wird darin auch, ob Mitarbeiter österreichischer Nachrichtendienste Informationen an Marsalek und Russland weitergegeben haben, berichtet “Heute”. Für alle Betroffenen gilt die Unschuldsvermutung.
Ein Mann auf der Flucht
Marsalek war Vorstand des Zahlungsdienstleisters Wirecard, der 2020 nach dem Bekanntwerden eines Milliardenlochs zusammenbrach. Seither ist der gebürtige Österreicher auf der Flucht und wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Deutsche Behörden gehen davon aus, dass er sich in Russland aufhält. Laut Ermittlern soll er schon seit Jahren für russische Nachrichtendienste gearbeitet haben.
Viele offene Fragen
Für die österreichische Innenpolitik ist der Bericht brisant, auch wenn er mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet. Kurz und sein Umfeld hatten die Ermittlungen gegen ihn stets als politisch motiviert kritisiert. Ob Marsaleks Behauptung substanzielle Hinweise enthält oder bloße Angeberei gegenüber einem Agentenführer war, müssen nun die Ermittlungen klären. Eine Stellungnahme von Kurz, der Justiz oder der WKStA zu dem Bericht lag bei Redaktionsschluss nicht vor.
Credits: Dragan Tatic, BKA
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