Linksextremismus in Deutschland: Was die Zahlen zeigen – und was der Streit darüber verdeckt

Linksextremismus in Deutschland: Was die Zahlen zeigen – und was der Streit darüber verdeckt

Linksextremismus ist 2026 so präsent in der deutschen Sicherheitsdebatte wie lange nicht. Doch wie stark ist das Phänomen wirklich gewachsen – und wird es tatsächlich politisch anders behandelt als der Rechtsextremismus? Ein Blick auf die Fakten.

Die aktuellen Zahlen: Ein deutlicher Sprung nach oben

Der Verfassungsschutzbericht 2025, den Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) gemeinsam mit BfV-Präsident Sinan Selen präsentierte, zeigt einen markanten Anstieg linksextremistischer Straf- und Gewalttaten. Laut der offiziellen Pressemitteilung des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) stieg die Zahl linksextremistisch motivierter Straftaten 2025 um 38,9 Prozent auf 8.133 Delikte (2024: 5.857). Noch deutlicher fällt der Anstieg bei der Gewalt aus: Linksextremistische Gewalttaten legten um 60,9 Prozent auf 856 Fälle zu (2024: 532) – ein Wert, der laut BfV sogar über dem bisherigen Höchststand von 2023 liegt (727 Delikte).

Auch das sogenannte Personenpotenzial wuchs: Die Behörde zählt aktuell 42.200 Linksextremisten in Deutschland (2024: 38.000), davon gelten 11.600 als gewaltorientiert (2024: 11.200). Zum Vergleich: Beim Rechtsextremismus liegt das Personenpotenzial mit 58.700 (2024: 50.250) weiterhin deutlich höher, davon 15.600 gewaltorientierte Personen. Die absoluten Zahlen zeigen damit: Rechtsextremismus bleibt nach BfV-eigener Einschätzung „die größte Bedrohung für unsere Demokratie“, wie Dobrindt bei der Präsentation selbst betonte – gleichzeitig wächst die linksextreme Szene aktuell prozentual schneller.

Die konkreten Fälle hinter den Zahlen

Das BfV benennt in seinem Bericht explizit, worauf der Anstieg zurückzuführen ist: gezielte Sabotageakte gegen kritische Infrastruktur (KRITIS) und Wirtschaftsunternehmen mit wachsender Schadensintensität. Als Beispiele nennt die Behörde einen Anschlag auf zwei Hochspannungsmasten am 9. September 2025 in Berlin, mit dem Unternehmen in einem Technologiepark gezielt geschädigt werden sollten – die Zerstörung der Kabel kappte dabei nicht nur die betroffenen Firmen, sondern auch zehntausende private Haushalte sowie Gesundheits- und Verkehrsinfrastruktur von der Stromversorgung. Fortgesetzt habe sich diese Entwicklung am 3. Januar 2026 mit einem folgenschweren Brandanschlag einer sogenannten „Vulkangruppe“ auf eine Kabelbrücke in Berlin-Lichterfelde, von dem laut BfV rund 45.000 Haushalte betroffen waren. Als weiteren Treiber nennt der Bericht die linksextreme Mobilisierung im Umfeld der Bundestagswahl im Februar 2025, bei der laut BfV vor allem die AfD wegen ihrer hohen Umfragewerte ins Visier gewaltorientierter Linksextremisten geriet – von Brandstiftungen über vereinzelte körperliche Angriffe auf politische Gegner bis zu massenhaft entwendeten oder beschädigten Wahlplakaten.

Dobrindts Kurswechsel – und die Kritik daran

Bemerkenswert ist, wie Dobrindt selbst den neuen Schwerpunkt begründet. Den Funke-Zeitungen sagte er laut einem Bericht der „jungen Welt“: Der Verfassungsschutz sei im Kampf gegen Rechtsextremismus und islamistischen Terrorismus „gut ausgerüstet“, doch „der Kampf gegen den Linksextremismus war in den vergangenen Jahren nicht im Fokus der Politik“ – deshalb lege er „jetzt einen zusätzlichen Schwerpunkt darauf“. Diese Aussage ist bemerkenswert, weil sie von einem amtierenden Bundesinnenminister selbst eine gewisse frühere politische Schieflage einräumt.

Genau an dieser Neuausrichtung entzündet sich allerdings Kritik aus der Opposition. Laut einem Bericht des „Tagesspiegel“ warf die Grünen-Bundestagsabgeordnete Clara Bünger Dobrindt vor, er wolle mit seiner Kampfansage gegen Linksextremismus vor allem „Stimmung“ machen statt seriöse Sicherheitspolitik zu betreiben – insbesondere kritisierte sie, dass er Linksextremismus und Klimaprotest „in einen Topf“ werfe. Der innenpolitische Sprecher der Grünen, Marcel Emmerich, forderte stattdessen mehr Personal für den Schutz kritischer Infrastruktur. Auch aus der Linkspartei kam scharfer Widerspruch: In einem Kommentar der „jungen Welt“ wurde Dobrindts Vorstoß als „alte[s] CDU/CSU-Lied seit 1947“ bezeichnet, verbunden mit dem Vorwurf, es handle sich um eine „Gefälligkeitsgeste gegenüber der AfD“.

Ein Rechtsstreit als Nebenschauplatz

Wie umstritten die Grenzziehung zwischen legitimer linker Kritik und Extremismus in der Praxis ist, zeigt ein aktueller Gerichtsfall: Das Verwaltungsgericht Berlin wies laut „junger Welt“ eine Klage des Verlags 8. Mai ab, mit der dieser verhindern wollte, dass die Tageszeitung „junge Welt“ weiterhin in den jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnt und vom Inlandsgeheimdienst beobachtet wird. Der Verlag sieht darin eine Einschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit und kündigte an, eine höhere Instanz anzurufen. Der Fall verdeutlicht eine Grundsatzfrage, die weit über den Einzelfall hinausreicht: Wo endet legitime linke Medien- und Gesellschaftskritik, wo beginnt aus Behördensicht Linksextremismus?

Warum Wahrnehmung und Zahlen oft auseinanderklaffen

Unabhängig von der aktuellen Zuspitzung zeigt eine ältere, aber einschlägige Erhebung, auf die die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) verweist, eine bemerkenswerte Wahrnehmungslücke in der Bevölkerung: Auf die Frage, von welcher Extremismusform die meiste Gewalt ausgehe, nannten 43 Prozent der Befragten den Rechtsextremismus, nur 5 Prozent den Linksextremismus. Tatsächlich habe die Zahl politisch motivierter Gewalttaten von links in den zehn Jahren davor teils über jener von rechts gelegen – wenngleich bei der allgemeinen politisch motivierten Kriminalität (also nicht nur Gewalt) ein anderes Bild entsteht. Nur bei 30 Prozent der Befragten deckten sich die Annahmen mit der damaligen Zahlenlage der Sicherheitsbehörden. Die bpb ordnet das auch strukturell ein: Ein Großteil der zahlenmäßig hohen rechtsextremen Straftaten entfällt auf Propagandadelikte wie das Zeigen verbotener NS-Symbole – eine Deliktkategorie, für die es im Linksextremismus keine direkte Entsprechung gibt, was einfache Zahlenvergleiche zwischen den Phänomenbereichen erschwert.

Einordnung: Zwei Wahrheiten, die beide stimmen können

Am Ende lassen sich zwei Befunde festhalten, die einander nicht widersprechen, aber oft gegeneinander ausgespielt werden: Erstens ist der aktuelle Anstieg linksextremer Gewalt in Deutschland laut offizieller Statistik real und deutlich – das bestreitet auch die Opposition nicht grundsätzlich. Zweitens bleibt der Rechtsextremismus nach den nackten Zahlen des BfV selbst weiterhin das größere Gesamtphänomen, sowohl beim Personenpotenzial als auch bei der Gesamtzahl der Straftaten. Ob die aktuelle politische Schwerpunktsetzung von Innenminister Dobrindt eine überfällige Korrektur einer jahrelangen Vernachlässigung ist oder, wie Kritiker meinen, vor allem symbolische Politik zulasten eines differenzierten Sicherheitskonzepts – das bleibt eine Wertungsfrage, die die Statistik allein nicht beantwortet.

Credits: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Sachelle Babbar

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