Korruptionsaffäre in Kiew: Geheimaufnahmen belasten Selenskyjs engstes Umfeld

Korruptionsaffäre in Kiew: Geheimaufnahmen belasten Selenskyjs engstes Umfeld

Mitten im Krieg gegen Russland erschüttert ein Korruptionsskandal die ukrainische Regierung. Veröffentlichte Tonaufnahmen sollen zeigen, wie hochrangige Vertraute von Präsident Wolodymyr Selenskyj in ein mutmaßliches Bestechungs- und Unterschlagungsystem im staatlichen Energiesektor verwickelt sind.

Die „Minditsch-Bänder“ und der Fall Energoatom

Auslöser der neuerlichen Aufregung ist die Veröffentlichung von Mitschnitten durch die regierungskritische ukrainische Zeitung Ukrainskaja Prawda. Wie die Berliner Zeitung berichtet, sollen die Aufnahmen in der Wohnung des sanktionierten Geschäftsmanns Timur Minditsch entstanden sein, der sich laut Medienberichten derzeit in Israel aufhält. Minditsch gilt als enger Vertrauter Selenskyjs und ist Miteigentümer von Kvartal 95 — jener Produktionsfirma, die Selenskyj vor seiner politischen Karriere gegründet hatte und an der er bis zu seiner Wahl 2019 beteiligt war.

Laut dem Nationalen Antikorruptionsbüro der Ukraine (NABU), das die Gespräche dokumentiert haben soll, handelt es sich um Material aus der sogenannten Operation „Midas“. Im Zentrum steht ein mutmaßliches Korruptionssystem beim staatlichen Energieunternehmen Energoatom, das alle ukrainischen Atomkraftwerke betreibt. Der entstandene Schaden wird laut NABU auf rund 100 Millionen US-Dollar geschätzt, wie Euronews berichtet. Dem Bericht zufolge kassierten die Verdächtigen von Auftragnehmern Bestechungsgelder in Höhe von 10 bis 15 Prozent des jeweiligen Auftragswertes.

Selenskyjs Ex-Berater und der Sicherheitsratschef in den Aufnahmen

Besonders brisant ist die Frage, wer in den Gesprächen zu hören ist. Wie die Weltwoche und die Berliner Zeitung berichten, sollen neben Minditsch auch Serhij Schefir — ein langjähriger Vertrauter und ehemaliger Berater Selenskyjs — sowie Rustem Umjerow, der heutige Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates, in den Aufnahmen vorkommen. In den Gesprächen geht es laut den Berichten um mögliche Geldflüsse, Personalentscheidungen, Bauprojekte sowie um die Finanzierung einer Kaution für den ehemaligen Vizepremier Oleksij Tschernyschow, der wegen Bestechung und Amtsmissbrauchs verdächtigt wird.

Das Originalmaterial der Aufnahmen wurde nicht veröffentlicht, die genaue Herkunft der Mitschnitte wurde ebenfalls nicht offengelegt.

NABU ermittelt — und die EU überweist 90 Milliarden

Das NABU führte bereits Ende 2025 über 70 Razzien durch und sammelte rund 1.000 Stunden Audiomaterial, wie Euronews berichtet. Die ukrainische Regierung hat angekündigt, mit den Ermittlern zusammenzuarbeiten. Selenskyj selbst betonte, die Integrität von Energoatom habe „oberste Priorität“ und jeder, der in Korruption verwickelt sei, müsse mit rechtlichen Konsequenzen rechnen.

Der Zeitpunkt der Veröffentlichungen ist heikel: Die EU hatte zuletzt laut Weltwoche Darlehen in Höhe von rund 90 Milliarden Euro für die Ukraine freigegeben — darunter erstmals direkte Mittel für die Armee. Wie das Geld verwendet wird und welche Kontrollmechanismen greifen, steht angesichts der Affäre nun verstärkt unter Beobachtung.

Credits: APA

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