Ein Wort elektrisiert die britische Debatte: Bürgerkrieg. Ex-Oberst Richard Kemp warnt vor „physischer Eskalation“, Kriegsforscher David Betz hält Aufstände für möglich. Premierminister Keir Starmer weist die Warnungen zurück – doch Militäranalysten schlagen Alarm.
Kemp: „Ein physischer Bürgerkrieg – wie Nordirland, nur schlimmer“
In einem Interview mit dem MirYam Institute zeichnete der frühere britische Oberst Richard Kemp ein düsteres Szenario: „Ich würde sogar so weit gehen, nicht nur Unruhen, sondern einen Bürgerkrieg im Vereinigten Königreich in den kommenden Jahren vorherzusagen.“ Er spricht ausdrücklich von realer Gewalt: „Ein physischer Bürgerkrieg – ein echter Bürgerkrieg, etwas, das eher Nordirland ähnelt, aber in viel intensiverem Ausmaß.“
Als mögliche Konfliktlinien nennt Kemp ein Dreieck aus Teilen der einheimischen Bevölkerung, Teilen der Einwanderer und dem Staat selbst. Gemeint seien aus seiner Sicht anhaltende Masseneinwanderung, Islamisierung, überlastete Schulen und Spitäler sowie zunehmende Spannungen zwischen Bevölkerungsgruppen.
Bereits im Sommer hatte Kemp beim ungarischen Festival MCC Feszt gewarnt: Je länger sich die aktuelle Entwicklung fortsetze, desto heftiger würden die Unruhen. Mit Blick auf Afghanistan betont er: Es habe mehr britische Muslime bei den Taliban gegeben als in der britischen Armee.
Musks Tweet entzündete die Debatte
Die Diskussion eskalierte im Sommer 2024, als Tech-Milliardär Elon Musk nach gewaltsamen Ausschreitungen auf X schrieb: „Bürgerkrieg ist unausweichlich.“ Premierminister Starmer sprach von „unverantwortlicher Rhetorik“. Die Regierung betonte, es gebe keine bewaffneten Milizen, keine territoriale Spaltung und stabile Sicherheitsstrukturen.
Doch eine Frage blieb: Warum verfängt ein solcher Satz? Warum löst er Nervosität aus – statt Schulterzucken?
Kriegsforscher Betz: „Der Kipppunkt ist überschritten“
David Betz, Professor für Kriegsstudien am King’s College London, argumentiert anders als Kemp, gelangt aber zu ähnlichen Schlüssen. Seine These: Bürgerkrieg ist kein Phänomen gescheiterter Staaten. Entscheidend sind Polarisierung, Statusverlust-Ängste und schwindende Legitimität.
„Ein Aufstand existiert, weil Menschen glauben, dass Veränderung innerhalb der bestehenden Spielregeln nicht mehr möglich ist“, so Betz. Die verbreitetste politische Überzeugung im Westen sei heute: „Wählen bringt nichts.“ Wenn dieser Glaube erodiert, beginne Radikalisierung.
Betz nennt drei Indikatoren für wachsende Bürgerkriegsgefahr: Polarer Fraktionalismus, „Downgrading“ (Statusverlust-Ängste) und Legitimitätsverlust. Sein Schlüsselsatz: „Wenn Sie eine wohlhabende Gesellschaft wollen – es ist nicht Öl oder Gold. Es ist Vertrauen.“
Wohlstand schützt nicht
Betz widerspricht dem Reflex, reiche Länder seien immun: „Konflikt entsteht nicht durch absolute Armut, sondern durch die Lücke zwischen Erwartung und Realität.“ Steigende Lebenshaltungskosten, stagnierende Löhne, unerschwinglicher Wohnraum – nicht Elend allein, sondern enttäuschte Erwartungen seien politischer Sprengstoff.
Viele Experten bleiben skeptisch
Zahlreiche britische Sicherheitsexperten halten einen klassischen Bürgerkrieg weiterhin für sehr unwahrscheinlich. Es gebe keine Frontlinien, keine bewaffneten Lager, keine territoriale Abspaltung. Doch selbst Skeptiker räumen ein: Die gesellschaftliche Spaltung ist real. Der Ton ist schärfer geworden. Vertrauen in Politik und Institutionen ist fragiler.
Die eigentliche Frage lautet vielleicht nicht: Steht Großbritannien vor einem Bürgerkrieg? Sondern: Wie viel Erosion kann eine Demokratie verkraften, bevor der Kipppunkt erreicht ist?
Credits: APA
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