Es fliegen scharfe Worte zwischen den NEOS und dem ORF. Auslöser ist ein Bericht auf dem Religionsportal des öffentlich-rechtlichen Senders, den NEOS-Mediensprecherin Henrike Brandstötter heftig kritisiert. Das ist ein bemerkenswerter Vorgang in der heimischen Medienlandschaft, denn normalerweise kommt die lauteste ORF-Schelte eher von rechts außen. Doch diesmal zielt die Kritik auf journalistische Standards und die Einordnung russischer Narrative.
Der Stein des Anstoßes
Im Zentrum des Streits steht ein ORF-Artikel über ein Interview mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill, das ursprünglich im russischen Staatsfernsehen Rossija 1 ausgestrahlt wurde. Wie das Nachrichtenportal oe24.at berichtet, trug der ORF-Beitrag den Titel: „Kyrill: Menschenrechte und Religionsfreiheit (in Russland) verwirklicht“.
Das brachte Henrike Brandstötter auf die Palme. Auf der Plattform X (ehemals Twitter) warf sie dem Sender unverblümt vor, „KGB-Propaganda“ im Sinne Wladimir Putins zu verbreiten. Ihr Hauptkritikpunkt: Der ORF habe die Aussagen des Kirchenoberhaupts ohne ausreichende journalistische Einordnung wiedergegeben. Lediglich im letzten Satz des Artikels sei erwähnt worden, dass der Patriarch ein Befürworter des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine ist. Für Brandstötter zu wenig – sie fordert mehr „Recherche und Relevanz“ statt reiner Wiedergabe.
Der ORF verteidigt sich
Der Küniglberg ließ die Vorwürfe nicht auf sich sitzen und reagierte noch am selben Tag. Wie oe24.at weiter ausführt, bezeichnete der Sender den Artikel als „reine Information“ und nicht als Propaganda. Die Argumentation des ORF: Da es Wladimir Putin gelungen sei, die Kirche eng an den Staat zu binden, hätten die Aussagen des Patriarchen „höchste journalistische Relevanz“.
Die Kritik der NEOS-Politikerin wies der Sender als „unhaltbar“ zurück. Man könne die Forderung nach mehr Recherche angesichts der politischen Brisanz der Personalie Kyrill nicht nachvollziehen und verwies zur Verteidigung auf zahlreiche andere, kritische Artikel auf dem eigenen Religionsportal, die das Thema differenzierter beleuchten würden.
Eine größere Debatte um Medienpolitik
Dieser Schlagabtausch ist allerdings mehr als nur ein tagesaktuelles Geplänkel. Er reiht sich ein in eine größere Debatte über die Rolle und Struktur des ORF, in der Henrike Brandstötter schon länger eine prominente Stimme ist. Wie etwa Die Presse in der Vergangenheit berichtete, kritisiert die NEOS-Politikerin immer wieder die dominante Marktstellung des Senders, insbesondere des Nachrichtenportals ORF.at. Ihr Argument: Das gebührenfinanzierte Angebot schaffe einen unfairen Wettbewerb für private Medienhäuser, die zunehmend auf Bezahlschranken angewiesen sind.
Auch das Magazin Profil und die FAZ haben bereits über Brandstötters Vorstöße berichtet, in denen sie klare Qualitätskriterien für Medienförderung fordert und das System der Regierungsinserate kritisiert, das ihrer Meinung nach Abhängigkeiten schafft. Der aktuelle Streit um den Kyrill-Bericht gibt ihren Forderungen nach einer umfassenden ORF-Reform somit neues Futter – und zeigt, dass die Diskussion um Qualität und Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Österreich noch lange nicht beendet ist.
Credits: arlamentsdirektion/PHOTO SIMONIS
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