„Keine weiteren Selbstbehalte?“ ÖGK-Boss im TV – und unter Beschuss

„Keine weiteren Selbstbehalte?“ ÖGK-Boss im TV – und unter Beschuss

Kosten explodieren, Ärzte drohen mit Streiks, Patienten warten monatelang auf Termine: Österreichs größte Krankenkasse, die ÖGK, steckt im Sturm. Am Sonntagabend setzte sich Generaldirektor Bernhard Wurzer auf den heißen ZIB2-Stuhl beim ORF – und kam nicht mit leeren Händen. Wurzer versprach „keine weiteren Selbstbehalte“ und bekräftigte eine umstrittene Zahl: Seit der Kassenfusion fließen „98 Prozent“ jeden Euros direkt in die Patientenversorgung, mehr als 13 Milliarden Euro zusätzlich seien bereits in Leistungen für Versicherte geflossen.

Der Milliarden-Versprechen trifft auf ein 500-Millionen-Loch

Die Zahlen sind brutal. Die ÖGK fährt heuer ein Defizit von über 500 Millionen Euro ein. Laut Der Standard versucht das Management das Loch mit Kostendisziplin und Effizienzmaßnahmen zu stopfen – sehr zum Ärger in Teilen der Ärzteschaft. Das politische Versprechen, die Fusion der Kassen würde eine „Patientenmilliarde“ heben, hängt jetzt wie ein Schatten über jedem Budgetposten – und über jedem TV-Auftritt.

Wurzers Verteidigung? Das Geld sei nicht verschwunden – es sei in Leistungen geflossen. Er zeichnete Österreich als Land, in dem man Gesundheitsleistungen „mit der E-Card, nicht mit der Kreditkarte“ bekommt – eine Botschaft gegen die Angst vor schleichender Privatisierung.

„Keine weiteren Selbstbehalte“ – mit einem großen Sternchen

Der Kernsatz sitzt. Es seien „keine weiteren Selbstbehalte geplant“, gleichzeitig werden bestehende Selbstbehalte für Krankentransporte evaluiert. Diese Nuance ist entscheidend. Für Haushalte, die unter steigenden Kosten leiden, tut jeder Euro weh. Für Ärzte klingt es so, als wolle die Kasse öffentlich die Linie halten – und im Hintergrund nach Einsparungen suchen.

Fusions-Kater: Wo bleibt die „Patientenmilliarde“?

Österreich wurde versprochen: Die Fusion bringt massive Effizienz. Sechs Jahre später schaut die ÖGK in tiefrote Zahlen. Wie oe24 aufgreift, sagen Kritiker, die „Patientenmilliarde“ sei nie angekommen, während Wartezeiten – etwa für MRIs – lang bleiben. Laut Der Standard werden in Österreich im internationalen Vergleich relativ viele MRIs angeordnet – ein Hinweis auf hohen Bedarf, der die Kosten treibt und die Frustration steigen lässt, wenn Termine fehlen.

Ärzte sind sauer, Patienten warten, Manager sparen

Ärzte warnen: Jede weitere Schraube drückt mehr von ihnen aus Kassenverträgen in die Privatpraxis. Laut Der Standard sorgen vorgeschlagene Sparmaßnahmen bereits für Zorn in den Kammern – der Vorwurf: kurzfristige Einsparungen auf Kosten des Zugangs. Leidtragende sind die Patienten: ein System, das universal sein will, während private Angebote für jene wachsen, die es sich leisten können.

Wurzers Gegenangriff ist strukturell. Er wolle er einen bundesweiten Gesamtvertrag, um Ärztegehälter und Bedingungen zu vereinheitlichen. Das Versprechen: einheitliche Regeln, weniger Lücken, stabilere Versorgung. Das Risiko: ein nationaler Krach mit den Kammern, wenn die Rechnung nicht aufgeht.

Optik-Problem: Seminare und Sparpakete

Die Geduld der Öffentlichkeit ist dünn. Wie oe24 hervorhebt, kommen opulent wirkende Seminare für Hunderte Kassenmanager und Reden von „Konsolidierungspfaden“ schlecht an, wenn Menschen Monate auf Diagnostik warten. Die Kasse sagt, diese Ausgaben seien im großen Ganzen klein – das Minus komme von mehr Leistungen, höheren Kosten und Personaldruck. Das mag stimmen. Doch wenn das Vertrauen wackelt, überzeugt es kaum.

Wie geht’s weiter

  • Finanzierung: Die ÖGK rechnet mit zusätzlichen Bundesmitteln, so oe24. Ob das reicht, um die Blutung zu stoppen, ist offen.
  • Verträge: Ein bundesweiter Ärztevertrag könnte regionale Gehaltsschlachten befrieden – oder als versteckte Kürzung wahrgenommen werden und den Konflikt vergrößern.
  • Selbstbehalte: Wie der ORF berichtet, sind keine „neuen“ Gebühren geplant. Die Evaluierung der Transport-Selbstbehalte bleibt ein Gradmesser, wo Einsparungen durchschlagen könnten.
  • Zugang: Laut Der Standard zeigt die hohe MRI-Nutzung strukturellen Bedarf. Slots zu streichen ist politisch toxisch; Kapazitäten auszubauen kostet Geld, das der Kasse fehlt.

Fazit

Wurzers TV-Auftritt war der Versuch, die Erzählung zu drehen: Die Fusion brachte mehr Versorgung, keinen Zauber-Geldsegen. Das Problem ist Mathematik. Defizite verschwinden nicht mit besseren Slogans. Wie der ORF berichtet, ist „keine weiteren Selbstbehalte“ ein klares Versprechen – doch wenn die Lücke bleibt, muss irgendwo nachgegeben werden: mehr Bundesgeld, härtere Deals mit Ärzten oder langsameres Leistungswachstum. Laut Der Standard ist die Ärzteschaft bereits auf Kante. Und für Patienten zählt am Ende nur eine Zahl: das Datum auf dem Terminkalender.

Quellen:

  • ORF: ZIB2-Interview „ÖGK-Chef: ‚Keine weiteren Selbstbehalte‘“ (ausgestrahlt am 17. August 2025)
  • Der Standard: Berichte zu ÖGK-Finanzplänen und Reaktionen der Ärzteschaft
  • oe24: Zusammenfassung des ZIB2-Auftritts und der finanziellen Lage der ÖGK

Credits: APA

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