Wer randaliert in Frankreich? Über diese Frage wird nicht nur in Paris gestritten, sondern auch zwischen deutschsprachigen Medien. Die Schweizer “Weltwoche” wirft der “Süddeutschen Zeitung” vor, in einer ganzseitigen Reportage über die Ausschreitungen bewusst ein Wort vermieden zu haben: Migranten.
Der Vorwurf
Die “Süddeutsche Zeitung” habe in ihrem ausführlichen Bericht über die Ausschreitungen vom 17. Oktober “kein einziges Mal das Wort ‘Migranten’” verwendet, schreibt die Weltwoche. Die Zeitung schildere brennende Rathäuser, geplünderte Geschäfte und Angriffe auf staatliche Einrichtungen, “ohne auf einen möglichen Migrationshintergrund der Täter einzugehen”. Stattdessen beschreibe die SZ die Täter als “Randalierer”, “militante Aktivisten” und “opportunistische Kleinkriminelle”. Ob Menschen mit Migrationshintergrund beteiligt waren und in welchem Umfang, gehe aus dem Bericht nicht hervor.
Köppels Linie
Der Text fügt sich in eine klare Linie des Magazins. Die aktuelle Weltwoche-Ausgabe von Verleger und Chefredakteur Roger Köppel titelt “Frankreich in Flammen: Migranten und Linksextreme zerstören die Republik – Fanal für Europa”. In seiner Videosendung “Weltwoche Daily” warf Köppel den Medien vor, die Gewalt zu verharmlosen, eine Folge trägt den Titel “Frankreich: Krawalle, Migranten und die totale Doppelmoral der Medien”.
Was die Behörden sagen
Auffällig ist allerdings, worauf sich die Weltwoche in demselben Text selbst beruft. Innenminister Laurent Nuñez machte laut dem Magazin vor allem linksextreme Gruppen und Kleinkriminelle verantwortlich und sprach von der “ganz klaren Hand der Ultralinken und der radikalen Linken”. Auch Premierminister Sébastien Lecornu nannte die extreme Linke und Kriminelle. Die Begriffe der SZ entsprechen damit weitgehend der Darstellung der französischen Regierung. Offizielle Angaben zur Herkunft der inzwischen 2.397 Festgenommenen hat das Innenministerium bisher nicht veröffentlicht. Präsident Emmanuel Macron rief in einer Fernsehansprache laut der “Le Monde”-Analyse, die das Luxemburger Portal L’essentiel wiedergibt, dazu auf, zwischen Demonstranten mit “legitimen Forderungen” und Randalierern zu unterscheiden.
Warum deutsche Medien zurückhaltend sind
Hinter der Zurückhaltung deutscher Zeitungen steht auch eine Regel. Der Deutsche Pressekodex sieht in Richtlinie 12.1 vor, dass die Zugehörigkeit von Tatverdächtigen zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten in der Regel nur erwähnt wird, wenn dafür ein “begründetes öffentliches Interesse” besteht. Kritiker halten diese Regel seit Langem für eine Form der Selbstzensur, Befürworter sehen darin einen Schutz vor Pauschalisierung. Bei den Krawallen in Frankreich kommt hinzu, dass es bisher keine belastbaren Daten gibt, auf die sich eine solche Zuordnung stützen könnte.
Was der Blick nach Italien zeigt
Wie vielschichtig die Lage sein kann, zeigt Italien, wo am selben Wochenende Teuerungsproteste in Gewalt umschlugen. Der italienische Sender Tgcom24 beschrieb die Randalierer in Mailand als minderjährige Jugendliche aus den Vororten, mit und ohne Migrationshintergrund, “unpolitisch” und “ohne Anführer”. Unter den 17 Verhafteten waren laut der Lokalzeitung “MilanoToday” sieben Italiener. Das Bild ist also gemischt – und eignet sich weder für die eine noch für die andere Erzählung ohne Weiteres.
Ein Streit über Worte – und über Wahlkampf
Der Medienstreit zeigt vor allem eines: Die Deutung der Krawalle ist längst politisch. In Frankreich, wo im April gewählt wird, nutzt das Rassemblement National von Marine Le Pen die Gewalt laut der Sorbonne-Politologin Hélène Miard-Delacroix, um von “migrantischen Profiteuren des Sozialstaates” zu sprechen. Die Weltwoche sieht darin eine Wahrheit, die andere Medien verschweigen. Belege für die eine oder andere These werden die französischen Ermittlungen erst liefern müssen.
Credits: Petar Marjanovic – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=67137850
Neueste Kommentare