Brennende Rathäuser, geplünderte Geschäfte, Ausgangssperren: Nach dem schwersten Gewaltwochenende seit Jahren sucht Frankreich nach Erklärungen. Wer sind die Randalierer? Die Sorbonne-Politologin Hélène Miard-Delacroix sieht drei verschiedene Gruppen. Der Schweizer Verleger Roger Köppel hat eine klarere Antwort – und eine Kritik an den Medien gleich dazu.
Ausgangssperren und “Kontrollverlust”
Die Lage ist weiter angespannt. Innenminister Laurent Nuñez sprach laut oe24 selbst von einem “Kontrollverlust”. In Teilen mehrerer Städte wurden Ausgangssperren verhängt, für Samstag sind neue Massenproteste angekündigt. Das Innenministerium meldete zuletzt 2.397 Festnahmen und 997 verletzte Sicherheitskräfte, laut oe24 wurden rund 2.000 Geschäfte zerstört oder geplündert.
Drei Gruppen auf der Straße
In der “ZiB2” ordnete Miard-Delacroix die Proteste am Montagabend ein. Sie unterscheidet drei Gruppen, wie oe24 berichtet: Erstens “normale” Menschen, die gegen hohe Lebenshaltungskosten und die marode Infrastruktur an Schulen demonstrieren wollten. Zweitens jene mit einer politischen Agenda, vor allem “Ultralinke”. Und drittens Personen, die “einfach zerstören wollen” und bei Gelegenheit Geschäfte plündern. Damit deckt sich ihre Analyse mit der Darstellung von Premierminister Sébastien Lecornu, der die extreme Linke und Kriminelle für die Gewalt verantwortlich gemacht hatte.
“Profit schlagen”
Kritisch sieht die Politologin die Rolle des Rassemblement National. Die Partei von Marine Le Pen wolle aus den Protesten “Profit schlagen”. Deshalb erzähle sie, unter den Randalierern seien viele “migrantische Profiteure des Sozialstaates”, die “nichts Besseres zu tun hätten”. In Wahrheit sei es komplizierter, so Miard-Delacroix, unter anderem weil auch die extreme Linke mitmische. Auch Präsident Emmanuel Macron gerät unter Druck: Dass er trotz der Krawalle in der Golfregion unterwegs sei, wo er sich laut oe24 für niedrigere Benzinpreise einsetzen will, werde “insgesamt negativ wahrgenommen”.
Köppel: “Migranten und Linksextreme”
Eine deutlich andere Lesart vertritt Roger Köppel, Verleger und Chefredakteur der Schweizer “Weltwoche”. Die Titelgeschichte der aktuellen Ausgabe trägt die Überschrift “Frankreich in Flammen: Migranten und Linksextreme zerstören die Republik – Fanal für Europa”. Einen weiteren Beitrag überschreibt das Magazin mit “Wer die Brandstifter in Frankreich sind, kann jeder selbst sehen”. In seinem Videoformat “Weltwoche Daily” wirft Köppel den Medien zudem vor, die Gewalt zu verharmlosen: Die Folgen tragen Titel wie “Frankreich: Die Medien verharmlosen die linksextreme Gewalt” und “Frankreich: Krawalle, Migranten und die totale Doppelmoral der Medien”. Die “Weltwoche” gilt als rechtskonservatives Magazin, das Themen wie Migration bewusst gegen den Mainstream gewichtet. Köppel saß von 2015 bis 2023 für die SVP im Schweizer Nationalrat.
Was belegt ist – und was nicht
Welche Rolle Migranten unter den Randalierern spielen, lässt sich bisher nicht verlässlich sagen. Offizielle Angaben zur Herkunft der Festgenommenen hat das französische Innenministerium nicht veröffentlicht. Ein Blick nach Italien zeigt, wie vielschichtig das Bild sein kann: Bei den Krawallen in Mailand am selben Wochenende beschrieb der italienische Sender Tgcom24 die Randalierer als minderjährige Jugendliche aus den Vororten, mit und ohne Migrationshintergrund, “unpolitisch” und “ohne Anführer”. Fest steht vorerst nur: Die Proteste begannen mit Lehrermangel und Teuerung – und die Deutung, wer sie in Gewalt verwandelt hat, ist längst Teil des französischen Wahlkampfs.
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