Wladimir Putin war Jahrzehnte lang Meister der innenpolitischen Kontrolle. Doch ausgerechnet ein Thema, das vielen als nebensächlich gilt, entwickelt sich zur ernsthaften Belastungsprobe: das Internet. Und das mit Auswirkungen, die bis in die Parteizentrale reichen.
Telegram gesperrt — und der Aufschrei folgt prompt
Seit dem 10. April 2026 ist Telegram in Russland blockiert. Das trifft nicht nur normale Nutzer, sondern auch Unternehmen: Zahlungssysteme fallen aus, Kommunikationswege brechen weg, wirtschaftliche Einbußen häufen sich. Wie das Handelsblatt berichtet, lassen selbst sonst kremlnahe Blogger ihrer Verärgerung freien Lauf. Der Gouverneur der von ukrainischen Angriffen besonders betroffenen Region Belgorod, Wjatscheslaw Gladkow, wies öffentlich darauf hin, dass seine Bevölkerung auf Telegram angewiesen sei — eine kaum verhohlene Kritik am staatlich geforderten Wechsel zum russischen Messengerdienst Max, den weite Teile der Bevölkerung als unpraktisch und unsicher ablehnen.
Laut dem Fachportal IPG Journal nutzen mittlerweile 41 Prozent der Russen VPN-Dienste, um die Sperren zu umgehen — die Behörden haben den Kampf gegen VPN-Anbieter deshalb zur Priorität erklärt.
Kritik aus Reihen der Hardliner
Bemerkenswert ist, wer sich zu Wort meldet. Wie OE24 berichtet, schrieb der Kreml-nahe Blogger Ilja Remeslo — sonst bekannt für Kampagnen gegen die Opposition — überraschend auf seinem Telegram-Kanal, Putin sei als Präsident illegitim und habe das Land in die Sackgasse des Ukraine-Kriegs geführt. Der Preis für diese Aussage: 30 Tage in einer geschlossenen Klinik. Zurückgenommen hat Remeslo seine Kritik nicht.
Dazu kommt der Druck aus der Duma: Der Parlamentsabgeordnete Anatoli Wasserman forderte der Handelsblatt-Recherche zufolge, die für Internetsperren zuständige Behörde Roskomnadsor zu bremsen, weil sie die Gesetze überdehne. Andere Abgeordnete schlossen sich an. Die Behörde steht zunehmend in der Kritik, als verlängerter Arm des FSB einen Überwachungsstaat voranzutreiben — und damit sogar treue Systemstützen zu verprellen.
Expertinnen-Analyse: Symptome einer möglichen Systemkrise
Politologin Tatjana Stanowaja von der Denkfabrik Carnegie sieht laut OE24 erstmals seit Jahren Anzeichen einer möglichen internen Spaltung des Regimes. Viele Einzelereignisse, die für sich genommen erklärbar wären, könnten in ihrer Summe auf etwas Tiefgreifenderes hindeuten. Stanowaja vergleicht es mit einem medizinischen Befund: leichte Symptome können Zufall sein — oder Vorboten einer ernsteren Erkrankung.
Zustimmungswerte sinken — erstmals seit Kriegsbeginn unter 70 Prozent
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Wie das staatliche Meinungsforschungsinstitut WZIOM ermittelt hat und das Handelsblatt sowie IPG Journal bestätigen, sank Putins Zustimmungswert in der sechsten Woche in Folge — aktuell auf 66,7 Prozent. Damit liegt er erstmals seit Kriegsbeginn unter der 70-Prozent-Marke und rund acht Punkte unter dem Februar-Wert von 74,8 Prozent. Die Kreml-Partei Geeintes Russland liegt sogar bei nur noch 29 Prozent.
Und es gibt politische Profiteure: Die vergleichsweise liberale Partei Nowyje Ljudi (Neue Menschen) kommt in der WZIOM-Umfrage erstmals auf über zwölf Prozent — und liegt damit auf Rang zwei, noch vor etablierten Kreml-Satelliten.
Im September stehen Parlamentswahlen an. Die Zeit für Putin, die Stimmung zu drehen, wird knapper.
Credits: APA
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