Gift, Spione und verschwundene Akten: Der rätselhafte Prozess gegen Johannes Peterlik

Gift, Spione und verschwundene Akten: Der rätselhafte Prozess gegen Johannes Peterlik

Es liest sich wie das Drehbuch für einen packenden Spionage-Thriller, doch es ist die nackte Realität im Wiener Landesgericht. Johannes Peterlik, einst der mächtigste Beamte im Außenministerium, steht vor Gericht. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft wiegt schwer: Amtsmissbrauch und die Verletzung der Geheimhaltungspflicht. Es geht um nicht weniger als das tödliche Nervengift Nowitschok, russische Agenten und streng geheime Dokumente, die plötzlich unauffindbar sind.

Nervengift und geheime Akten

Im Zentrum des Skandals steht ein Bericht der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW). Dieser Bericht behandelt den Giftanschlag auf den russischen Doppelagenten Sergej Skripal im britischen Salisbury. Wie die Staatsanwaltschaft Wien in einer Presseaussendung mitteilt, soll Peterlik im Oktober 2018 diesen als „geheim“ eingestuften Bericht ohne dienstliche Notwendigkeit angefordert haben. Die Anklage wirft ihm vor, aus rein privatem Interesse gehandelt zu haben.

Peterlik selbst wehrt sich vehement gegen diese Darstellung. Wie Die Presse berichtet, plädierte der Diplomat auf „nicht schuldig“. Seine Verteidigungsstrategie baut darauf auf, dass er sehr wohl ein dienstliches Interesse an den Papieren hatte. Der damalige russische Botschafter habe ihn auf den OPCW-Bericht hingewiesen und behauptet, dieser würde die Unschuld Russlands beweisen. Um diese brisante außenpolitische Diskrepanz zu klären, habe er das Originaldokument angefordert.

Ein mysteriöser Briefkasten und die Rolle von Egisto Ott

Die Geschichte nimmt eine noch dunklere Wendung, wenn der Name Egisto Ott ins Spiel kommt. Der ehemalige Verfassungsschützer, der selbst unter Spionageverdacht steht, soll laut Anklage geheime OPCW-Dokumente von Peterlik gezeigt bekommen und abfotografiert haben. Diese Fotos sollen später über den flüchtigen Ex-Wirecard-Manager Jan Marsalek bei der Financial Times gelandet sein.

Doch Ott nahm Peterlik vor Gericht in Schutz. Wie das Magazin profil berichtet, sagte Ott als Zeuge aus, er habe die brisanten Dokumente in seinem eigenen Briefkasten gefunden. Wer ihm das Kuvert zugespielt hat, wisse er angeblich nicht. Er betonte, er habe die Papiere nie von Peterlik erhalten, was die Beweisführung der Anklage auf eine harte Probe stellt.

Das Rätsel um die Heftklammern

Dass der Fall auch kriminaltechnisch einiges zu bieten hat, zeigt die forensische Untersuchung der Dokumente. Wie oe24 berichtet, sprach eine Kriminaltechnikerin vor Gericht von einer „selten schönen“ Spurenlage. Anhand von Streifenbildungen und den Spuren von Heftklammern kam sie zu einem erstaunlichen Schluss: Das Dokument wurde mehrfach kopiert und anschließend mit einer neuen Heftklammer verschlossen. Peterliks Anwälte argumentieren laut profil, dass die Lochungen auf den abfotografierten Dokumenten nicht mit den Originalen aus dem Außenamt übereinstimmen. Die Bilder auf Otts Handy müssen demnach von einer ganz anderen Kopie stammen.

Sicherheits-Chaos im Ministerium

Der Prozess wirft zudem ein verheerendes Licht auf die internen Abläufe im Außenministerium der damaligen Zeit. Zeugenaussagen offenbaren einen geradezu schludrigen Umgang mit hochsensiblen Daten. Ein zuständiger Beamter gab zu, von strengen Zugangsregelungen wie dem „Need to know“-Prinzip noch nie etwas gehört zu haben. Wie profil schreibt, wurden Dokumente oft nicht richtig klassifiziert und Kopien verschwanden spurlos. Bis heute ist völlig unklar, wo sich die Kopie befindet, die Peterlik in sein Postausgangsfach gelegt haben will.

Das Gericht steht nun vor der gewaltigen Aufgabe, Licht in dieses Dickicht aus widersprüchlichen Aussagen, verschwundenen Akten und mysteriösen Briefkastenfunden zu bringen. Für Johannes Peterlik steht viel auf dem Spiel – im Falle einer Verurteilung drohen ihm bis zu fünf Jahre Haft.

Quellen: oe24, profil, Die Presse, Staatsanwaltschaft Wien
Credits: APA

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