Eine parlamentarische Anfrage der FPÖ zeigt: Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft nahmen zwischen 2015 und 2024 Millionen medizinische Leistungen in Anspruch. Die Zahlen werfen Fragen zur Finanzierung und Belastung des Systems auf – doch die Antworten sind komplex.
Die Zahlen im Detail
Zwischen 2015 und 2024 wurden in österreichischen Krankenhäusern rund 21,9 Millionen stationäre und ambulante Behandlungen für Menschen aus zehn spezifischen Herkunftsländern erbracht. Das geht aus der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage der FPÖ-Abgeordneten Katayun Pracher-Hilander durch Gesundheitsministerin Korinna Schumann (SPÖ) hervor.
Die Anfrage bezog sich auf Staatsbürger aus der Türkei, Syrien, Afghanistan, Ukraine, Pakistan, Indien, Irak, Iran sowie mehreren afrikanischen Staaten. An der Spitze liegen türkische Staatsbürger mit 9,3 Millionen Behandlungen, gefolgt von Syrern und Afghanen mit jeweils 2,7 Millionen sowie Ukrainern mit 1,2 Millionen Behandlungen.
Was bedeutet „Behandlung“?
Wichtig für die Einordnung: Der Begriff „Behandlung“ umfasst alle medizinischen Leistungen – von einer einzelnen Blutabnahme in der Ambulanz über Röntgenuntersuchungen bis hin zu stationären Aufenthalten. Eine Person kann bei einem einzigen Spitalsbesuch mehrere „Behandlungen“ in Anspruch nehmen.
Das Sozialministerium betont in der Anfragebeantwortung: Es handelt sich um Leistungen verschiedener medizinischer Fachrichtungen, nicht um die Anzahl der Personen oder Spitalsaufenthalte.
Die Verhältniszahlen
Laut einer Pressekonferenz des Parlaments wurden im Zeitraum 2015 bis 2024 insgesamt mehr als 800 Millionen medizinische Leistungen (stationär und ambulant) in Österreich erbracht. Die 22 Millionen Behandlungen der abgefragten Nationalitäten entsprechen damit rund 2,75 Prozent aller Behandlungen.
Zum Vergleich: Die in der Anfrage genannten Bevölkerungsgruppen machen laut Statistik Austria etwa 4,8 Prozent der österreichischen Wohnbevölkerung aus. Das bedeutet: Gemessen am Bevölkerungsanteil nehmen diese Gruppen unterdurchschnittlich viele medizinische Leistungen in Anspruch.
Die Kostenfrage bleibt offen
Eine zentrale Frage kann das Sozialministerium nicht beantworten: Wie viele dieser Behandlungen wurden durch Krankenversicherungsbeiträge der Patienten selbst finanziert, wie viele durch Steuermittel?
Das Ministerium führt in der Anfragebeantwortung aus, dass diese Daten nicht zentral erfasst werden. Der Versicherungsstatus der einzelnen Patienten ist in der Statistik nicht ersichtlich.
Fakt ist: Ein Großteil der betroffenen Personen – insbesondere türkische Staatsbürger, die fast die Hälfte aller Behandlungen ausmachen – lebt seit Jahren in Österreich und ist regulär krankenversichert. Sie zahlen Sozialversicherungsbeiträge wie österreichische Staatsbürger auch.
Anders bei Asylwerbern: Laut Sozialministerium waren 2024 im Jahresdurchschnitt 78.834 Personen in der Grundversorgung. Für diese Gruppe übernimmt der Staat die Krankenversicherungsbeiträge. Hinzu kommen 60.056 Personen (ohne Niederösterreich, dort fehlen Daten), die Mindestsicherung oder Sozialhilfe beziehen und deren Krankenversicherung ebenfalls vom Staat finanziert wird. Von diesen sind 36.402 Asyl- oder subsidiär Schutzberechtigte.
Plastische Chirurgie: Ein Missverständnis
Besonders für Diskussionen sorgen Zahlen zur plastischen Chirurgie: 2024 wurden für Syrer und Afghanen zusammen rund 1.100 Leistungen in dieser Fachrichtung erbracht.
Was dabei oft übersehen wird: Im Spitalsbereich umfasst plastische Chirurgie überwiegend rekonstruktive und medizinisch notwendige Eingriffe – etwa nach Unfällen, Verbrennungen oder Tumoroperationen. Ästhetische Eingriffe ohne medizinische Notwendigkeit werden vom öffentlichen Gesundheitssystem grundsätzlich nicht bezahlt und müssen privat finanziert werden.
Die genannten 1.100 „Behandlungen“ beziehen sich zudem auf alle Leistungen der Fachrichtung – nicht nur Operationen, sondern auch ambulante Untersuchungen, Nachbehandlungen und Diagnostik.
Wartezeiten: Ein vielschichtiges Problem
Die FPÖ sieht in den Zahlen einen Beleg dafür, dass Nicht-Österreicher das Gesundheitssystem blockieren und zu langen Wartezeiten für österreichische Patienten führen.
Experten verweisen jedoch auf andere Ursachen für die Überlastung des Gesundheitssystems:
- Massiver Personalmangel in Pflege und Medizin
- Fehlende Kassenstellen im niedergelassenen Bereich
- Eine alternde Gesellschaft mit steigendem Behandlungsbedarf
- Strukturelle Probleme nach der Krankenkassenreform 2019
Zudem: Das österreichische Gesundheitssystem ist auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Laut Arbeitsmarktdatenbank arbeiten über 132.000 Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft im Gesundheits-, Sozial- und Pflegebereich. Viele Bundesländer werben gezielt ausländische Pflegekräfte an.
Zugang zum Gesundheitssystem: Rechtliche Lage
Der Zugang zum österreichischen Gesundheitssystem ist gesetzlich klar geregelt: Asylwerber haben Anspruch auf medizinisch notwendige Leistungen. Eine Einschränkung auf „Elementarversorgung“, wie von der FPÖ gefordert, wäre verfassungs- und europarechtlich problematisch.
Gesundheitsministerin Schumann betont: „Ich glaube, niemand von uns will in einem Gesundheitssystem leben, wo unterschieden wird, wem in einer gesundheitlichen Notlage geholfen wird und wem nicht.“
Ein eigenes Parallelsystem nur für Asylwerber würde zudem erheblichen zusätzlichen Verwaltungsaufwand verursachen und wäre wirtschaftlich ineffizient.
Forschung zeigt: Zugangsbarrieren sind das Problem
Eine Studie in der Fachzeitschrift ScienceDirect zeigt: Manche Migrantengruppen werden nach der Erstbehandlung häufiger wieder ins Spital aufgenommen als Österreicher und Deutsche. Die Studienautorin Elma Dervic vermutet als Ursache: Die Erkrankung ist bei der Erstaufnahme bereits weiter fortgeschritten, weil der Zugang zum Gesundheitssystem – insbesondere zur ambulanten Versorgung – erschwert ist.
Die Studie empfiehlt daher: „Zukünftige Maßnahmen sollten den Zugang gezielt erleichtern, beispielsweise durch verbesserte Übersetzungsdienste oder Orientierungshilfen im Gesundheitssystem.“
Komplexe Realität statt einfacher Antworten
Die Zahlen zeigen: Das österreichische Gesundheitssystem steht unter Druck. Migration spielt dabei eine Rolle – aber bei weitem nicht die einzige. Die Frage nach den Kosten lässt sich nicht pauschal beantworten, weil der Versicherungsstatus der Patienten statistisch nicht erfasst wird.
Klar ist: Die meisten der in der Anfrage genannten Personen leben seit Jahren in Österreich, arbeiten hier und zahlen regulär in die Sozialversicherung ein. Gleichzeitig gibt es eine kleinere Gruppe – vor allem Asylwerber –, deren Versorgung aus Steuermitteln finanziert wird.
Die politische Debatte wird zeigen müssen, wie Österreich mit dieser Realität umgeht: zwischen humanitären Verpflichtungen, finanziellen Möglichkeiten und der Versorgung aller Patienten.
Quellen:
- Parlamentarische Anfragebeantwortung des Sozialministeriums (Jänner 2026)
- Pressekonferenz Parlament Österreich (PK0060/2026)
- Statistik Austria: Bevölkerung nach Staatsangehörigkeit
- Arbeitsmarktdatenbank: Beschäftigte im Gesundheitsbereich
- ScienceDirect: Studie zu Herkunft und Wiederaufnahmerate von Patienten
- Sozialministerium: Daten zu Grundversorgung und Sozialhilfe 2024
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