Österreichs Gesundheitssystem steht vor einer Zerreißprobe. Was lange als Zweiklassenmedizin kritisiert wurde, entwickelt sich nach Einschätzung von Experten mittlerweile zu einem Drei- oder gar Vierklassensystem. Gesundheitsministerin Korinna Schumann räumt die Probleme erstmals öffentlich ein – und kündigt Gegenmaßnahmen an.
„Die Analyse stimmt“
In einem Interview mit oe24.TV bestätigt die SPÖ-Ministerin unumwunden: „Die Analyse stimmt. Wir haben hier eine Schieflage und auf diese Schieflage ist jetzt von politischer Seite zu reagieren.“ Was Ärzte seit Jahren beklagen, findet damit erstmals offiziell Gehör auf höchster politischer Ebene.
Das Problem hat konkrete Dimensionen: Wie Schumann im Gespräch mit Politik-Chefredakteurin offenlegt, liegt der Privatanteil am österreichischen Gesundheitssystem bei 24 Prozent. „Damit liegen wir im Spitzenfeld Europas und hier müssen wir schauen, wie fahren wir diesen Teil zurück“, erklärt die Ministerin ihre Strategie.
Dramatische Zahlen bei Wahlärzten
Die Fakten geben Schumann recht. Wie die Tiroler Tageszeitung unter Berufung auf die Ärztestatistik der Ärztekammer berichtet, verfügen 40,6 Prozent aller Allgemeinmediziner mit Ordination über keinen Kassenvertrag. Bei den Fachärzten beträgt dieser Satz sogar 68 Prozent. „Das ist gewaltig“, kommentiert Schumann diese Entwicklung.
Die langfristige Entwicklung ist noch alarmierender: Laut Daten von krankenversichern.at stieg die Zahl der Wahlärzte zwischen 2000 und heute um 148 Prozent – von 4.768 auf 11.802. Die Kassenärzte stagnierten im selben Zeitraum praktisch bei einem minimalen Anstieg von 0,4 Prozent (von 8.203 auf 8.236).
Besonders dramatisch zeigt sich die Situation in Wien. Wie das Magazin Kosmo unter Berufung auf Ärztekammerdaten berichtet, verzeichnete die Bundeshauptstadt seit 2010 einen Anstieg bei Wahlärzten um 40 Prozent auf 4.269, während die Kassenärzte um 11 Prozent auf nur noch 1.551 schrumpften.
Kinderpsychiatrie als Brennpunkt
Besonders prekär ist die Lage in der Kinderpsychiatrie. Wie Kontrast.at unter Berufung auf Zahlen des Gesundheitsministeriums berichtet, hat sich die Zahl der Wahlärzte zwischen 2017 und 2023 von 40 auf 129 verdreifacht. Kassenärzte gibt es im gleichen Fachbereich nur 43 – also gerade einmal 17 mehr als 2017. Der Anteil der Wahlärzte stieg damit von 60 auf 75 Prozent.
Die Folgen für Patienten sind massiv: Wartezeiten von 90 Tagen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sind laut den recherchierten Daten keine Seltenheit mehr. Auch in anderen Fachbereichen müssen Kassenpatienten mit monatelangen Wartezeiten rechnen.
Primärversorgung als Lösung?
Auf die Frage, wie Ärzte wieder ins Kassensystem zurückgeholt werden können, setzt Schumann auf Attraktivierung. Als konkretes Beispiel nennt sie den Ausbau der Primärversorgungseinheiten (PVE). Diese Gemeinschaftspraxen mit verschiedenen Gesundheitsdienstleistern unter einem Dach seien ein „attraktives System für Ärzte“, so die Ministerin im Gespräch mit der APA.
Die PVE würden für Patienten ein gutes Versorgungssystem darstellen und Randzeiten abdecken, „was gerade im Gesundheitssystem ganz wesentlich ist“, erklä rt Schumann. Zusätzlich will sie die Gesundheitshotline 1450 österreichweit ausbauen und zur Drehscheibe entwickeln.
Öffentlich statt privat
Die grundsätzliche Marschrichtung macht die Ministerin deutlich: „Wir haben eine sehr starke Entwicklung in der Privatisierung im Gesundheitsbereich“, sagt Schumann zur APA. Es gelte, dieser Entwicklung „Einhalt zu gebieten“. Gefordert sei eine Stärkung der öffentlichen Angebote, „um den privaten Sektor nicht noch größer werden zu lassen“.
Dabei betont die Ministerin das solidarische Prinzip: „Es geht um das solidarische Gesundheitssystem, das öffentlich ist und das für alle zugänglich sein muss, egal wie viel wer verdient, wo er wohnt oder wie alt wer ist.“ Sie verweist auf das im Januar 70 Jahre alt gewordene ASVG: „Wir haben hier ein Versprechen für eine solidarische Versorgung abgegeben. Dieses Versprechen müssen wir bewahren und erneuern.“
Versorgungsanalyse bis April
Konkret plant die Regierung eine umfassende Gesundheitsreform. Eine externe Firma untersucht bis Ende April die Gesundheitsversorgungsstruktur im Land. Aus diesem Bericht soll dann die Reform aufgebaut werden.
Wie die Gesundheitsreform konkret aussehen wird – etwa wer welche Kompetenzen hat und wer was finanziert – darüber hielt sich Schumann noch bedeckt. „Wir machen die Versorgungsanalyse und daraus entwickeln wir dann die Reformen“, erklärt sie im oe24.TV-Interview.
Klar ist allerdings: Alle relevanten Akteure müssen an einen Tisch. Die Koordinierung liegt im Sozial- und Gesundheitsministerium, aber „alle Player und Playerinnen“ müssen den Reformweg mitgehen – Bund, Länder, Gemeinden, Städtebund, Sozialversicherung und auch die Ärztevertreter.
Bessere Patientenlenkung gefordert
Effizienzsteigerungen erhofft sich die Ministerin auch durch eine bessere Lenkung von Patienten – dorthin, „wo sie die Leistung kriegen, die sie wirklich brauchen“. Wie die Tiroler Tageszeitung berichtet, sieht Schumann neben dem geplanten Ausbau von PVEs auch die Erweiterung der Gesundheitshotline 1450 oder „zusätzliche Angebote wie Social Prescribing in Ordinationen als soziales Angebot“ vor.
Die Frage sei, wo die „richtigen Versorgungspunkte“ für Patienten liegen, wie man den Spitalsbereich entlasten könne und wie das Zusammenwirken zwischen niedergelassenen Ärzten und Spitälern besser funktioniere.
Privatversicherungen boomen
Die Entwicklung zum Privatmarkt zeigt sich auch an den Versicherungszahlen. Wie das Portal Moment.at unter Berufung auf eine Umfrage berichtet, hatte 2020 bereits jeder dritte Österreicher eine private Zusatzversicherung abgeschlossen – Tendenz steigend.
Für Menschen ohne finanziellen Spielraum wird damit die medizinische Versorgung zunehmend zum Problem. Wer sich weder Wahlärzte noch Privatversicherungen leisten kann, muss warten – teilweise bis zu einem Jahr für Operationen wie Hüftprothesen oder Augenoperationen.
Systemkritik von Experten
Die Entwicklung wird auch von Gesundheitsexperten kritisch gesehen. Leonard Jüngling vom Momentum Institut stellt in einer Analyse fest, dass im Jahr 2006 noch 10,1 Kassenärzte auf 10.000 Einwohner kamen, 2023 waren es nur noch 9,1. Bei den Wahlärzten ging die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung: von 7,9 auf 12,3 – ein Anstieg um 56 Prozent.
„Weniger Kassenärztinnen und Kassenärzte müssen also immer mehr Patientinnen und Patienten betreuen“, erklärt der Ökonom die Problematik. In der Folge bedeute der schlechtere Betreuungsschlüssel weniger Zeit für die einzelnen Anliegen der Menschen.
Warnung vor britischem Szenario
Besonders eindringlich warnt Kontrast.at vor einer Entwicklung nach britischem Vorbild. Die Strategie der ehemaligen Premierministerin Margaret Thatcher in den 1980er Jahren habe durch schrittweise Kürzungen im britischen Gesundheitssystem NHS zu langen Wartezeiten geführt und die Briten unzufrieden mit dem öffentlichen System gemacht. Das habe private Versicherungsanbieter attraktiver gemacht.
Eine schleichende Privatisierung der Gesundheitsvorsorge sei auch in Österreich zu beobachten: Sobald der Mittelstand mit dem öffentlichen Gesundheitssystem unzufrieden sei und auf Privatärzte samt Zusatzversicherung ausweiche, schwinde auch die Bereitschaft, das öffentliche System mit Beiträgen zu finanzieren.
Reaktion auf Nachfrage
Auf die Nachfrage, ob man nicht eher das öffentliche System ausbauen sollte anstatt das private zurückzufahren, räumt Schumann ein, dass dies eine Finanzierungsfrage sei. Aber: „Natürlich werden wir uns auch mit den Verbesserungen im öffentlichen System beschäftigen.“
Die Gesundheitsministerin steht damit vor einer ihrer größten Herausforderungen: Ein Gesundheitssystem zu reformieren, das jahrelang in Richtung Privatisierung gedriftet ist. Ob der angekündigte Kurswechsel gelingt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen – spätestens wenn im April der Bericht zur Versorgungsanalyse vorliegt.
Quellen: oe24.at, Tiroler Tageszeitung, APA, ORF.at, Kontrast.at, Moment.at, Kosmo.at, krankenversichern.at, Momentum Institut, Ärztekammer
Credits: APA
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