Riho Terras war Oberbefehlshaber der estnischen Streitkräfte, bevor er EU-Abgeordneter wurde. Im Gespräch mit dem profil spricht er über die russische Bedrohung, Europas Schwäche — und Österreichs Neutralität, die er als „Feigenblatt“ bezeichnet. Was er dabei auslässt, ist mindestens genauso aufschlussreich.
42 Mal angegriffen — und nie aufgegeben
Terras kennt Russland nicht aus Büchern. Er kennt es aus der geopolitischen Realität seines Landes: Estland, 1,4 Millionen Einwohner, direkte Grenze zu Russland, NATO- und EU-Mitglied. In den letzten tausend Jahren wurde Estland laut Terras 42 Mal von Russland angegriffen — im Schnitt alle 25 Jahre. Dass er als ehemaliger Heereschef nicht blauäugig ist, versteht sich.
Im Interview mit profil gibt er sich trotzdem entspannt: „Russland würde jeden Krieg gegen Europa verlieren.“ Die Zahlen, die er nennt, klingen überzeugend: Europa hat dreimal so viele Kampfflugzeuge wie Russland, eine Wirtschaftsleistung, die mehr als zehnmal größer ist. Das Problem sei nicht die Kapazität, sondern der Wille. „Wir können es, wenn wir es wollen.“
Estland kann in 48 Stunden 50.000 Soldaten mobilisieren
Estland hat 4.500 aktive Soldaten. Russland 1,3 Millionen. Der Vergleich klingt erdrückend — aber Terras erklärt, warum er es nicht ist: Das Land hat eine wehrpflichtige Reservearmee. Innerhalb von 48 Stunden könne Estland 50.000 ausgebildete Soldaten mit vollständiger Ausrüstung mobilisieren. Im Ernstfall werde jeder kämpfen, sagte er gegenüber verschiedenen deutschen Medien: „Männer, Frauen, sogar die Jugend.“ Sein Satz dazu ist inzwischen berühmt: „Wenn die Russen kommen, schießt in Estland jeder Baum.“
Seit 2020 sitzt Terras für die konservative estnische Partei Isamaa im EU-Parlament und ist stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Sicherheit und Verteidigung — eines von vier Gremiumsmitgliedern mit militärischem Generalrang.
Europas Schizophrenie in Zahlen
Terras bringt eine Zahl ins Gespräch, die sitzt. Alle europäischen Länder zusammen zahlten im vergangenen Jahr 22 Milliarden Euro für russisches Gas. Die Ukraine unterstützten sie im selben Zeitraum mit 18 Milliarden Euro. „Das ist schizophren“, sagt er laut profil: „Wir können den Russen nicht einerseits Geld geben, mit dem sie ihren Krieg finanzieren, und den Ukrainern auf der anderen Seite weniger geben, mit dem sie den Krieg gewinnen sollen.“
Österreichs Neutralität: „Nicht mehr zeitgemäß“
Für Österreich hat Terras wenig Verständnis. Die Neutralität bezeichnet er als „Feigenblatt“ — nicht mehr zeitgemäß. Sein Argument: Es könne nicht sein, dass jene Länder, die eine direkte Grenze mit Russland teilen, fünfmal mehr für Verteidigung ausgeben als andere EU-Mitglieder. „Estnische Mütter und Kinder brauchen genauso viel Kindergeld wie österreichische, sie brauchen ebenfalls soziale Sicherheit.“
Was Terras nicht sagt — und trotzdem im Raum steht
Das Argument ist moralisch stark. Aber es ist nicht vollständig. Was in dieser Erzählung fehlt, ist die Frage nach der Vorgeschichte.
Die NATO-Osterweiterung war kein Naturereignis. Sie war eine strategische Entscheidung, die im Westen getroffen wurde — und die Russland seit Jahrzehnten explizit als Bedrohung bezeichnet. Das bedeutet nicht, dass Russlands Reaktion darauf legitim ist — der Angriff auf die Ukraine ist ein klarer Bruch des Völkerrechts und lässt sich durch nichts rechtfertigen. Aber es bedeutet, dass die Erzählung „die Opfer zahlen, die anderen profitieren“ eine vereinfachende ist.
Estland ist der NATO beigetreten — mit vollem Wissen, dass das eine Beistandsverpflichtung nach sich zieht, die alle anderen Mitglieder tragen. Das ist kein Vorwurf an Estland, das das legitime Recht hat, seine Sicherheit zu suchen, wo es sie findet. Es ist aber eine Feststellung, die Terras‘ Forderung in ein anderes Licht rückt: Der Beitritt war eine politische Entscheidung, die das gemeinsame Sicherheitsgefüge verändert hat. Wer dieses Gefüge nutzt, darf sich nicht darüber wundern, dass andere Länder — die diesen Schritt nicht mitgetragen haben und historisch andere Sicherheitskonzepte verfolgen — nicht automatisch dieselben Schlussfolgerungen ziehen.
Österreichs Neutralität mag aus Terras‘ Perspektive ein Feigenblatt sein. Aus Wiener Perspektive ist sie eine historisch gewachsene Grundlage, die Österreich seit 1955 als Vermittler und Gesprächspartner funktionsfähig gehalten hat — auch in Krisenzeiten. Ob das in einer Welt, in der Russland offen Krieg führt, noch trägt, ist eine ernste Frage. Aber sie lässt sich nicht beantworten, ohne gleichzeitig zu fragen, wie Europa in diese Lage geraten ist — und welche Rolle die NATO-Osterweiterung dabei gespielt hat.
Das ist keine Frage, die Terras im profil stellt. Es ist aber eine, die man stellen muss, wenn man seine Antworten vollständig einordnen will.
Credits: APA
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