Die EU-Kommission plant einheitliche Regeln für Apfelwein. Was als Verbraucherschutz gedacht ist, entwickelt sich zu einem Konflikt zwischen Tradition und Industrie.
Sechs Milliarden Euro ohne Definition
Apfel- und Birnenwein sind in Europa ein Milliardengeschäft. Wie EURACTIV berichtet, schätzen Marktbeobachter den Wert auf rund sechs Milliarden Euro. Frankreich und Spanien zählen zu den wichtigsten Produzenten innerhalb der EU, während Spanien, Deutschland, Irland und Frankreich zu den größten Konsumenten gehören. Das Vereinigte Königreich bleibt Europas größter Apfelweinmarkt.
Trotz dieser wirtschaftlichen Bedeutung existiert bislang keine EU-weite Definition, was rechtlich als Apfelwein gilt. Die EU-Kommission will diese Lücke nun schließen. Das erklärte Ziel: Verbraucher sollen Unterschiede zwischen den Produkten besser erkennen und bewerten können.
Premium, Standard oder „apfelweinbasiert“
Bei einer nicht öffentlichen Sitzung am Donnerstag stellte Brüssel neue Ideen für harmonisierte Kennzeichnungsvorschriften vor. Laut einem Entwurf delegierter Rechtsakte, den EURACTIV einsehen konnte, könnten die neuen Regeln bereits im April 2026 in Kraft treten.
Der Kern des Vorschlags ist ein dreistufiges Klassifizierungssystem: „Premium-Apfelwein“ soll künftig nur noch Getränke bezeichnen, die zu 100 Prozent aus Apfelsaft hergestellt werden. Die Bezeichnung „Apfelwein“ wäre Produkten mit mindestens 50 Prozent Apfelsaft vorbehalten. Getränke mit einem Saftanteil von mindestens 20 Prozent würden als „apfelweinbasiert“ gekennzeichnet.
Zusätzlich wird diskutiert, traditionelle Bezeichnungen wie Sidra, Cidre oder Apfelwein an bestimmte Herkunftsländer wie Spanien, Frankreich, Deutschland und Österreich zu binden. Auch hier wäre ein Fruchtsaftanteil von 100 Prozent Voraussetzung.
Zwischen allen Stühlen
Der aktuelle Entwurf gilt bereits als Kompromiss. Ein EU-Diplomat erklärte gegenüber EURACTIV, der Text sei zwar eine Verbesserung gegenüber früheren Versionen, benötige aber noch Feinarbeit. Es gelte, das richtige Gleichgewicht zwischen dem Schutz traditioneller Methoden und dem Spielraum für industrielle Hersteller zu finden.
Im vergangenen Jahr hatte die Kommission noch einen einheitlichen Mindestfruchtsaftgehalt von 50 Prozent für alle als „Apfelwein“ bezeichneten Getränke vorgeschlagen. Schweden, Dänemark und Finnland warnten damals, wie ein Bericht der EU-Kommission an das Europäische Parlament dokumentiert, dies würde das Wachstum ihrer heimischen Apfelweinmärkte gefährden.
Französische Puristen bleiben skeptisch
Doch auch in Frankreich stößt der neue Ansatz auf Widerstand. Viele Hersteller beharren auf dem Prinzip „100 Prozent Apfelsaft oder gar nichts“ und halten den Vorschlag für zu lax.
Weitere Kritik entzündet sich an optionalen Kennzeichnungsvorschriften, die im Oktober vorgelegt wurden. Mehrere Länder bezeichneten sie in den Sitzungsprotokollen als zu komplex. Während Frankreich, Polen, Belgien und Italien auf eine klare Definition drängen, äußern Dänemark, Finnland, Schweden und Irland Vorbehalte.
Ein Diplomat warnte, der Entwurf könne für Verbraucher „sehr verwirrend“ sein und stehe im Widerspruch zu den Vereinfachungszielen der Kommission. „Wer Geld für guten, handwerklich hergestellten Apfelwein ausgibt, wird diesen nicht mit einem 2-Euro-Industrieprodukt verwechseln“, so der Diplomat.
Tradition trifft Industrieinteressen
Die geplante Regulierung zeigt die Schwierigkeit, jahrhundertealte Traditionen mit modernen industriellen Produktionsmethoden in Einklang zu bringen. Laut einem Bericht der EU-Kommission aus dem Jahr 2023 werden derzeit unter der Bezeichnung „Apfelwein“ sehr unterschiedliche Produkte verkauft – von Getränken aus 100 Prozent Apfelsaft bis zu Pre-Mix-Produkten mit zugesetztem Zucker.
Die Kommission argumentiert, dass diese Unterschiede zu unfairem Wettbewerb führen und Verbraucher in die Irre führen könnten. Ob der aktuelle Kompromissvorschlag die verschiedenen Interessengruppen zufriedenstellen kann, bleibt abzuwarten.
Quellen: exxpress.at, EURACTIV, EUR-Lex (Bericht COM(2023) 200 final), Eurasia Review
Credits: APA
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