Wenige Stunden bevor sein Sohn bei einem Polizeieinsatz erschossen wurde, gab Tawfik Ballout dem „Spiegel“ ein Interview. Es ist der Versuch eines Vaters, das Unfassbare zu erklären – und zeichnet gleichzeitig das Bild eines jungen Mannes, dessen Radikalisierung den Behörden längst bekannt war.
Ein letztes, ganz normales Telefonat
Das Gespräch mit dem „Spiegel“ fand statt, bevor der 21-jährige Abdul Ballout am Sonntagabend bei einem SEK-Einsatz in Berlin-Spandau erschossen wurde, wie Heute.at aus dem Interview berichtet. Besonders eindringlich schildert der Vater darin das letzte Telefonat mit seinem Sohn, das am Samstag stattfand – nur Stunden bevor dieser mit einem Kleintransporter in die Menschenmenge beim Christopher Street Day fuhr. „Wir haben ganz normal gesprochen, wie jeden Tag. Er sagte, dass er mich vermisst und er sich wünschte, jetzt mit uns im Libanon zu sein“, zitiert t-online.de den 64-Jährigen, der sich derzeit bei Verwandten in seinem Heimatland aufhält.
„Wir sind Schiiten, wir unterstützen den IS nicht“
Zentral in Ballouts Schilderung ist der Versuch, seinen Sohn von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ klar abzugrenzen. „Er wurde einer Gehirnwäsche unterzogen“, sagt er laut Heute.at – und betont: „Wir sind Schiiten. Wir unterstützen den Islamischen Staat (IS) nicht.“ Als er seinen Sohn einmal direkt gefragt habe, was dieser vom IS halte, habe Abdul geantwortet, die Organisation sei „schlecht“. Laut dem Schweizer Portal Blick.ch beschreibt der Vater eine zunehmende Hinwendung seines Sohnes zur sunnitischen Glaubensrichtung – jener Richtung, aus der der IS historisch hervorging und die Schiiten wie die eigene Familie verfolgt. Auch das äußere Erscheinungsbild sei zum Streitpunkt geworden: „Ich habe ihm nicht erlaubt, einen langen Bart zu tragen“, erzählt Ballout gegenüber dem „Spiegel“, offenbar weil er darin ein Symbol religiösen Extremismus sah.
Ein Alltag ohne festen Halt
Laut der Schilderung des Vaters lebte Abdul Ballout mit seiner Mutter und zwei seiner drei Schwestern nahe des Landwehrkanals in Berlin-Tiergarten – der Vater selbst ist von der Mutter geschieden. Der in Berlin geborene Sohn besuchte die Schule bis zur zehnten Klasse, einen festen Job habe er danach nie gehabt, sondern nur gelegentlich als Sicherheitsmitarbeiter oder Fahrer gearbeitet. Nachts verbrachte er nach Angaben des Vaters viel Zeit am Handy oder vor dem Fernseher, tagsüber schlief er häufig bis zum Nachmittag. Seinen Sohn beschreibt Ballout als „großzügig, emotional, liebevoll“ – mit dem „Herz eines Kindes“, wie t-online.de aus dem Interview zitiert.
Was die Behörden längst wussten
Dem persönlichen Bild des Vaters steht eine deutlich dokumentierte Vorgeschichte gegenüber, die den Sicherheitsbehörden bereits bekannt war. Laut Blick.ch war Ballout den Behörden seit Jahren wegen Gewalt- und Raubdelikten sowie islamistischer Aktivitäten bekannt, verbreitete IS-Propaganda und wurde 2026 wegen der Vorbereitung einer terroristischen Straftat verurteilt. Bemerkenswert: Die Generalstaatsanwaltschaft hatte gegen das Urteil Berufung eingelegt und eine längere Haftstrafe gefordert – dennoch blieb er auf freiem Fuß. Auch vor Gericht hatte sich der spätere mutmaßliche Attentäter offenbar bereits vom Gedankengut des IS distanziert, was laut Blick.ch bei der damaligen Verurteilung eine Rolle spielte.
Eine Familie im Ausnahmezustand
Von der Tat ihres Bruders und Sohnes ist die Familie nach eigener Schilderung völlig überwältigt. Die Schwestern, die laut oe24.at Hidschab tragen, aber „nicht extrem religiös“ seien, würden seit dem Anschlag nur noch weinen. „Seine Mutter dreht durch, auch ich habe nicht geschlafen und nichts gegessen, seit ich die Nachricht gehört habe“, schildert der Vater seinen eigenen Zustand.
Einordnung
Die Aussagen des Vaters sind als das zu lesen, was sie sind: der subjektive Erklärungsversuch eines schwer erschütterten Elternteils, nicht eine forensisch geprüfte Darstellung der Radikalisierungsgeschichte seines Sohnes. Die von mehreren Medien unabhängig bestätigten Fakten zur Vorstrafe und den behördlich bekannten islamistischen Aktivitäten Ballouts zeigen, dass die Behörden bereits vor dem Anschlag von einer ernsthaften Gefährdung durch den 21-Jährigen wussten – ein Umstand, der in den kommenden Tagen mutmaßlich auch Gegenstand politischer Aufarbeitung sein dürfte.
Credits: Bundespolizei / Polizei Berlin
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