Das ZDF-Interview beginnt mit einem Geständnis. “Okay, ich bin ein Clown”, sagt Jan Böhmermann zu Wolodymyr Selenskyj. Man möchte ihm danken für so viel Ehrlichkeit, denn sie erspart einem die Frage, ob man das Folgende als Journalismus bewerten soll. 34 Minuten später weiß man: eher nicht. Man weiß aber auch nicht genau, was es sonst war.
Fragen mit eingebauter Antwort
Böhmermann stellt seine Fragen so, dass die Antwort gleich mitgeliefert wird. Elon Musk heißt bei ihm “der südafrikanische Oligarch”, X ist “das rechtsextreme soziale Netzwerk”. Der Mann hat einen US-Pass und ein Unternehmen, das der Ukraine die Satellitenverbindung liefert, aber das wären Details, die nur stören. Bemerkenswert ist, dass ausgerechnet Selenskyj differenzierter antwortet als sein Interviewer. Er bedankt sich bei Musks Firma für die Verbindung und kritisiert danach dessen Haltung zum Krieg und seinen politischen Einfluss. Wenn der Gast fairer formuliert als der Gastgeber, läuft im Studio etwas schief.
“Können wir was machen?”
Der entscheidende Moment kommt bei den Taurus-Marschflugkörpern. Böhmermann erinnert daran, dass Friedrich Merz die Lieferung als Oppositionschef verlangt hat und sie als Kanzler nicht liefert. Dann fragt er: “Hält Friedrich Merz hin, was ist da los? Können wir was machen?” Wir. Da sitzt kein Fragesteller mehr, da sitzt ein Mitstreiter. Wer wissen wollte, warum Merz zögert, welche Risiken einer Eskalation im Kanzleramt abgewogen werden und was Deutschland mit einer solchen Lieferung riskiert, bekam keine Antwort, weil die Frage nie gestellt wurde. Der Zuschauer erfuhr stattdessen, dass Selenskyj sich bedankte, weil diesmal nicht er das Thema ansprechen musste. Böhmermann ahnte es auch ohne Übersetzung: Er habe die Verdolmetschung nicht gehört, “aber Sie haben bestimmt gedankt”.
Korruption? Nächstes Thema
Am deutlichsten wird die Schieflage bei der Korruption. Böhmermann verweist auf eine Umfrage, wonach sich viele Ukrainer darüber sorgen. Selenskyj sagt, er habe die Umfrage nicht gesehen, und spricht davon, Behörden zu “säubern”, von Gesetzen und Vorgaben der EU-Kommission. Danach: nichts. Keine Nachfrage zu einem einzigen konkreten Fall, keine zu Verantwortlichen, keine zu Konsequenzen. Stattdessen will Böhmermann wissen, ob Selenskyj nach dem Krieg wieder als Comedian arbeiten möchte. Ein Thema, das über den EU-Beitritt eines ganzen Landes mitentscheidet, wird abgehandelt wie ein lästiger Punkt auf der Tagesordnung. Davor gab es noch einen Witz über einen geschenkten Hund.
Ein Gebührenformat mit Flagge
Man kann Böhmermann zugutehalten, dass er nie behauptet hat, neutral zu sein. Seine Sendung endet seit Beginn der Vollinvasion mit einer großen Ukraine-Flagge, das sagt er im Interview selbst. Das ist eine klare Ansage. Nur stellt sich dann die Frage, warum ein öffentlich-rechtlicher Sender ausgerechnet dieses Format für ein Gespräch mit einem Staatschef nutzt, der Milliarden an Hilfe, Waffen aus Deutschland und eine Rolle bei Friedensverhandlungen beansprucht. Das ZDF ordnet das Gespräch in seiner Mediathek selbst unter “Satire”, “Show” und “amüsant” ein. Bezahlt wird es aus dem Rundfunkbeitrag aller Haushalte, auch jener, die bei Taurus anderer Meinung sind als Böhmermann. Die hätten Fragen gehabt.
Was bleibt
Ganz wertlos war das Gespräch nicht. Wo Böhmermann tatsächlich fragte, wurde es interessant. Etwa bei den ausgesetzten Wahlen, die er ausgerechnet am früheren staatskritischen Satiriker Selenskyj spiegelte, oder bei der Frage, ob ein ukrainischer Präsident sich angesichts der Geschichte wirklich ein starkes Deutschland wünschen sollte. Auch der Satz “Meine Kinder sind jetzt keine Priorität” sagt mehr über diesen Krieg als manche Pressekonferenz. Für Selenskyj war der Auftritt ein Gewinn, er erreichte ein junges deutsches Publikum in einem freundlichen Umfeld. Für Böhmermann ebenso, er bekam einen Präsidenten. Nur der Zuschauer, der verstehen wollte, wie es weitergeht und wer den Preis dafür zahlt, ging leer aus. Ein Interview, nach dem man klüger ist, sieht anders aus. Dieses hier war ein Gespräch unter Gleichgesinnten, bei dem einer zufällig Präsident ist.
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