Neue Auszüge aus dem geleakten Gesprächsprotokoll bringen Wiens Wirtschaftskammerpräsidenten Walter Ruck (ÖVP) weiter in Bedrängnis. Diesmal trifft es nicht nur den Kammerchef selbst – auch ein amtierender Bundesminister und ganz Oberösterreich geraten in Rucks abfällige Wortwahl.
Was Ruck über den eigenen Minister gesagt haben soll
Laut gemeinsamen Recherchen von „Krone“ und „profil“ soll sich Ruck im vertraulichen Gespräch abschätzig über Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) geäußert haben – seinen eigenen Parteikollegen. „Der Hattmannsdorfer ist so ein Typ, der ist Sachbearbeiter und Vorstandsassistent. Der kommt zu dir rein mit 300 Seiten, die er auswendig gestrebert hat, und will dir in zwei Minuten alle 300 Seiten erzählen“, soll Ruck laut dem Protokoll gesagt haben. Zusätzlich soll er über eine frühere Begegnung mit Hattmannsdorfer, als dieser kurzzeitig Generalsekretär der Wirtschaftskammer Österreich war, erklärt haben: „Du, Hatti, ich habe so einen Bienenschwarm im Schädel – was du da alles erzählst. Bringen wir’s aufs Wesentliche runter.“
„Degenerierte Oberösterreicher“ beim Kaviarfrühstück
Auch Vertreter der Industrie sowie ein ganzes Bundesland gerieten laut den Protokollen ins Visier von Rucks Spott. Die Rede war von „degenerierten Oberösterreichern“, die „vom Kaviar-Frühstück“ gekommen seien – gemeint waren dabei offenbar Industrievertreter im Zusammenhang mit der umstrittenen Kammerumlage 2. Rucks Sprecher wollte diese Aussage gegenüber der „Krone“ nicht bestätigen und verwies erneut darauf, dass die Zitate aus einem Transkript einer „nicht verifizierbaren und potenziell illegal angefertigten Aufnahme“ stammten.
Hattmannsdorfers gelassene, aber deutliche Antwort
Der betroffene Minister selbst reagierte auf Anfrage von oe24 mit bemerkenswerter Gelassenheit auf die persönliche Spitze. „Mit dem Vorwurf, ein hohes Arbeitstempo zu haben und inhaltlich gut vorbereitet zu sein, kann ich gut leben. Beides entspricht meinem Amtsverständnis als Bundesminister“, konterte Hattmannsdorfer. Deutlich schärfer fiel sein Urteil zum eigentlichen Kern der Affäre aus: „Deutlich befremdlicher finde ich das kolportierte Politikverständnis sowie das Bild über Frauen und Unternehmerinnen und Unternehmer. Eine solche Einstellung darf nicht dem Selbstverständnis eines Interessenvertreters entsprechen.“
Kickl sieht „moralischen Abgrund der ÖVP“
Für FPÖ-Chef Herbert Kickl liefern die neuen Enthüllungen weitere Munition für einen Rundumschlag gegen die Volkspartei. „Was wir hier erleben, ist keine private Entgleisung, sondern ein Sittenbild der schwarzen Machtzirkel“, erklärte Kickl laut news.ORF.at. Die Vorgänge offenbarten für ihn den „moralischen Abgrund der ÖVP“ – ein System, geprägt von „Arroganz, Postenschacher und tiefster Verachtung für die eigenen Mitglieder und Leistungsträger“. Besonders störte sich der Freiheitliche daran, dass Ruck Unternehmer als „degeneriert“ bezeichnet haben soll, was er als „moralischen Tiefpunkt des schwarzen, abgehobenen Establishments“ bezeichnete.
Kritik auch aus den eigenen Reihen der Wirtschaft
Immer lauter wird auch die Kritik aus dem unternehmerischen Umfeld selbst. Der Industrielle Stephan Zöchling, Chef des Remus-Konzerns, forderte bereits am Montagabend in der ZIB2 Rucks Rücktritt und will diese Forderung mit einer Unterschriftensammlung untermauern: „Was diese Protokolle zeigen, ist kein Ausrutscher. Das ist die Geisteshaltung des Kammer-Kaisers Walter Ruck.“ Auch der Tiroler ÖVP-Nationalratsabgeordnete und Seilbahnenchef Franz Hörl übte laut ORF deutliche Kritik: „Dieses Verhalten ist einfach ungustiös.“ Ruck solle „in sich gehen, wenn’s was nutzt. Daran habe ich aber starke Zweifel“, so Hörl. Der Generalsekretär der Freiheitlichen Wirtschaft, Reinhard Langthaler, befand in einer Aussendung, Ruck könne die Interessen der Unternehmer nicht länger vertreten.
Rucks trotziger Rückhalt
Trotz des wachsenden Drucks steht Ruck nicht gänzlich allein da: Der Wirtschaftsbund Wien stellt sich weiterhin demonstrativ hinter seinen Präsidenten. „Keine Sorge, Walter wird nicht zurücktreten“, heißt es in einer Mitteilung des Wirtschaftsbunds Wien. Rucks Vertrauter Florian Kollenz, Direktor des Wiener Wirtschaftsbunds, griff dabei laut profil.at indirekt auch Bundeskanzler Christian Stocker und WKÖ-Präsidentin Martha Schultz an: „Wir lassen uns wegen unbestätigter Aussagen aus einer potenziell illegal angefertigten Tonaufnahme unseren Präsidenten von niemandem herausschießen. Heute gab es diverse Rücktrittsaufforderungen, da lernt man, was Solidarität in einer Partei bedeutet.“ Auch Rucks Vize, Margarete Kriz-Zwittkovits, die selbst in den geleakten Protokollen ungünstig vorkommt, stärkte dem Präsidenten den Rücken.
Die Rolle Ludwigs bleibt entscheidend
Weiterhin bedeckt hält sich Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ), der ebenfalls in den Protokollen vorkommt und bislang als enger Vertrauter Rucks galt. Laut profil.at soll es sich am Wochenende bereits Gespräche unter anderem mit erzürnten Industriellen gegeben haben – sollte sich Ludwig tatsächlich öffentlich von Ruck abwenden, dürfte die Luft für den Kammerchef nach Einschätzung mehrerer Beobachter zunehmend dünn werden.
Credits: Christian Skalnik/WKW
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