Die Ukraine trifft Russland tief im Hinterland. Militärexperten sehen darin einen möglichen Wendepunkt. Doch was als „Sieg“ gilt und wie weit die neue Dynamik trägt, verdient nüchterne Betrachtung.
Drohnen statt Panzerfronten: Kiews neue Kriegsstrategie
Seit dem Scheitern der ukrainischen Gegenoffensive 2023 hat sich das Bild an der Front kaum verändert – Russland erzielte im Osten langsame Geländegewinne, die Ukraine war weitgehend in der Defensive. Das ändert sich gerade, wie oe24 berichtet. Mit gezielten Drohnenangriffen auf Moskau, die Krim und die russische Energieinfrastruktur verlagert die Ukraine den Krieg zunehmend auf russisches Territorium. Ukrainischer Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow sprach zuletzt von einem „Fenster der Möglichkeiten“: Durch die Unterbrechung russischer Nachschublinien öffne sich eine neue strategische Dimension. „Für die Russen beginnt eine Hölle, die sie nur schwerlich meistern werden“, so Fedorow laut oe24.
Was Experten unter „Sieg“ verstehen
Doch was bedeutet das konkret? Der österreichisch-britische Militäranalyst Franz-Stefan Gady – einer der renommiertesten Ukraine-Kenner im deutschsprachigen Raum – hat gegenüber der deutschen „Bild“ klargestellt, dass ein realistischer ukrainischer Erfolg nicht die vollständige Rückeroberung aller besetzten Gebiete bedeutet. „Ein realistischer Erfolg für die Ukraine heißt, die Front zu stabilisieren, die Krim mit Drohnen und Raketen vom russischen Nachschub abzuschneiden und Russland zu zwingen, Teile des Südens zu räumen, weil es seine Truppen dort nicht mehr versorgen kann“, so Gady laut oe24. Auch der frühere Bundeswehr-Offizier Nico Lange sieht in den Angriffen auf russischem Territorium einen Schlüssel – aber einen mit Vorbehalt: „Wenn der Krieg in Russland zu politischer Destabilisierung führt, könnte Putin verhandlungsbereit werden“, so Lange laut oe24. Militärexperte Gustav Gressel hingegen definiert einen ukrainischen Sieg noch bescheidener: als bloßes Fortbestehen als souveräner Staat.
Was auf der Krim wirklich passiert
Die ukrainische Strategie gegen die Krim ist Teil eines breiteren Musters, das wir in dieser Woche bereits mehrfach dokumentiert haben: Angriffe auf die Kapotnja-Raffinerie in Moskau, auf Treibstofflager in Kertsch und auf Versorgungsrouten haben die Treibstoffversorgung auf der besetzten Halbinsel so weit zusammenbrechen lassen, dass der von Moskau eingesetzte Krim-Gouverneur Aksjonow den Benzinverkauf für Privatpersonen vollständig eingestellt hat. Die Auswirkungen sind spürbar: 80 Prozent der Tourismusbuchungen für den Sommer sollen storniert worden sein.
Lawrow bietet Gespräche an – ohne Zugeständnisse
Auf der diplomatischen Ebene signalisiert Russland derzeit Gesprächsbereitschaft. „Wir sind bereit, mit Kiew zu reden. Das waren wir immer“, sagte Außenminister Sergej Lawrow laut oe24. Man könne dort weitermachen, wo man 2022 in Istanbul aufgehört habe, und an Gespräche anknüpfen, die 2025 stattfanden. An den grundsätzlichen Forderungen Moskaus ändert das aber nichts: Russland besteht laut oe24 auf der vollständigen Aufgabe jener Teile des Donbass, die es militärisch noch nicht kontrolliert. Die Ukraine lehnt das ab. Die bisher letzten Friedensgespräche fanden im Februar statt, kurz bevor die USA Ende Februar mit Israel in den Krieg gegen den Iran eintraten.
Einordnung der Redaktion
Gadys nüchterne Siegesdefinition ist der wichtigste Kompass für diesen Artikel: Der aktuelle ukrainische Druckaufbau auf russische Versorgungslinien ist militärisch real und hat nachweisbare Wirkung – auf der Krim, an den Raffinerien, in der russischen Treibstofflogistik. Gleichzeitig ist er kein Wendepunkt im klassischen Sinn. Drohnen können Nachschublinien stören, aber keine Frontlinien verschieben. Ob der Druck auf die Krim tatsächlich zu einem Rückzug russischer Truppen führt oder ob Moskau alternative Versorgungsrouten aufbaut, wird sich erst in den kommenden Wochen zeigen. Lawrows „Gesprächsbereitschaft“ ist dabei weniger Signal als Taktik: Wer sagt, er sei „immer“ bereit gewesen zu reden, aber keinerlei inhaltliche Zugeständnisse macht, nutzt diplomatische Sprache als Instrument der Zeitverzögerung – nicht als echtes Angebot. Dass beide Seiten gleichzeitig militärisch eskalieren und verbal Verhandlungsbereitschaft signalisieren, ist das klassische Muster eines Kriegs, den niemand zu gewinnen glaubt, aber auch niemand verlieren will.
Credits: Von Kremlin.ru, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=123219163
Neueste Kommentare