Neue Studie: „Wahlfreiheit“ in der Kinderbetreuung ist ein Mythos – auf Kosten von Müttern

Neue Studie: „Wahlfreiheit“ in der Kinderbetreuung ist ein Mythos – auf Kosten von Müttern

Österreichische Forscherinnen haben untersucht, was hinter dem politischen Versprechen der „Wahlfreiheit“ bei der Kinderbetreuung steckt – und kommen zu einem ernüchternden Befund.

Zu wenig Plätze, zu viel Druck

Beim Wissenschaftsnetzwerk „Diskurs“ haben Forscherinnen am Dienstag bei einer Online-Pressekonferenz die Ergebnisse ihrer Untersuchungen zur Kinderbetreuung in Österreich präsentiert. Das Fazit ist klar, wie oe24 berichtet: Die viel zitierte „Wahlfreiheit“ – also die Möglichkeit von Familien, selbst zu entscheiden, ob sie Kinder in die Betreuungseinrichtung schicken oder zuhause behalten – sei ein Mythos. Es gebe schlicht nicht genug Betreuungsangebote, um überhaupt wählen zu können, betonte Eva-Maria Schmidt vom Österreichischen Institut für Familienforschung (ÖIF) laut oe24. Nur 60 Prozent der Plätze für Kinder unter drei Jahren seien mit einem Vollzeitjob beider Eltern vereinbar.

Gleichzeitig erwarte die Gesellschaft, dass Mütter sich intensiv um die Kinder kümmern und parallel arbeiten. Mögliche Folgen – insbesondere für Frauen, wie Altersarmut – würden dabei „auf das Individuum übertragen“, so Schmidt laut oe24.

„In Österreich ist eine gute Mutter eine sorgende Mutter“

Ein Drittel der unter-Dreijährigen besucht in Österreich überhaupt eine elementarpädagogische Einrichtung. Das liegt laut Schmidt nicht nur am Mangel an Plätzen, sondern auch an „kulturellen normativen Vorstellungen“, dass Kinder bei Fremden eher leiden würden und bei ihrer Familie – in der Regel gleichgesetzt mit der Mutter – besser aufgehoben seien, wie oe24 berichtet.

„In Österreich ist eine gute Mutter eine für die Familie sorgende Mutter“, fasste Soziologin Fabienne Decieux von der Universität Innsbruck die vorherrschende Haltung zusammen, wie oe24 schildert. Die Anforderungen an Mütter seien dabei seit den 1970er Jahren dramatisch gestiegen, seit damals zunehmend weniger Hausfrauen und mehr Mütter zumindest in Teilzeit berufstätig wurden. Eltern verbringen heute mehr Zeit mit ihren Kindern als je zuvor und bekommen mehr Verantwortung für deren Entwicklung zugeschrieben. „Sie werden haftbar gemacht für die Kindesentwicklung“, so Decieux laut oe24 – und wies auf die im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Gruppen hohen Erschöpfungsquoten unter Müttern hin.

„Selbstfürsorge“ als neues Druckmittel

Von Müttern werde heute erwartet, sich vollständig am Wohl und der positiven Entwicklung ihrer Kinder auszurichten, wie oe24 weiter berichtet. Negative Gefühle oder Stress würden als potenziell schädlich für das Kind betrachtet – was dazu führe, dass Mütter schon vor der Geburt Kurse besuchen, intuitive Gefühle unterdrücken und negative Emotionen vermeiden. Auch der Anspruch an „ausreichend Selbstfürsorge“ wie genügend Schlaf komme letztlich aus demselben Motiv: Mütter sollen auf sich achten – aber nicht für sich selbst, sondern damit sie gut für ihre Kinder sorgen können und „nicht der Gesellschaft zur Last fallen.“

Kinderlosigkeit und Hausfrauen als Reaktion

Die gestiegenen gesellschaftlichen Erwartungen an Mütter haben laut den Forscherinnen auch unerwartete Folgen, wie oe24 berichtet. Schmidt zufolge könnten sie ein Grund sein, warum sich mehr Frauen gegen eigene Kinder entscheiden. Auch der in manchen westlichen Ländern zunehmende Trend zum Leben als Hausfrau sei als Reaktion auf die gestiegenen Belastungen zu sehen. In Österreich sei das allerdings kein klarer Bruch, ergänzte Decieux: Traditionelle Mutterschaftsnormen seien in Österreich immer stark präsent gewesen – weshalb auch bisher vergleichsweise weniger Mütter vollständig ins Berufsleben eingetreten seien.

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