Die Europäische Zentralbank (EZB) treibt das Projekt digitaler Euro mit Hochdruck voran. Doch während EZB-Präsidentin Christine Lagarde von „höchsten Datenschutzstandards“ spricht, schlagen Experten Alarm. Einer von ihnen ist Gunther Schnabl, Direktor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Leipzig.
„Die gleiche Anonymität wie beim Bargeld ist ausgeschlossen“
Gegenüber exxpress.at stellt Schnabl klar: „Die gleiche Anonymität wie beim Bargeld ist aus meiner Sicht ausgeschlossen.“ Der Ökonom, der selbst 2005/06 als Berater bei der EZB tätig war, kennt die Strukturen von innen. Seine Begründung: „Aktuell plant die EZB ein sogenanntes zentrales Hauptbuch, das von ihr betrieben wird und bei dem zentrale Online-Transaktionen erfasst werden.“
Zwar seien Offline-Zahlungen vorgesehen, doch auch diese blieben nicht dauerhaft anonym. „Offline-Zahlungen dürften zunächst zwar anonym sein. Doch müssen diese später im zentralen System registriert bzw. abgeglichen werden“, erklärt Schnabl. Selbst wenn die EZB einzelne Details nicht sehe, verschwänden die Daten nicht: „Dann bleiben die Transaktionsdaten beim Bankensystem – wobei sich der Gesetzgeber unter bestimmten Umständen Zugang zu den Informationen verschaffen kann.“
Staat kann sich Zugang verschaffen
Als mögliche Tatbestände für staatlichen Zugriff nennt die EZB selbst Geldwäsche und Steuerhinterziehung, wie Schnabl ausführt. Volle Anonymität wie beim Bargeld wäre damit faktisch Geschichte.
Die EZB selbst bestätigt diese Einschätzung indirekt: Bereits 2023 räumte Lagarde vor europäischen Gesetzgebern ein, dass der digitale Euro „nicht völlig anonym“ sein werde, wie Uncut News berichtete.
Programmierbares Geld: Die technische Möglichkeit schafft Misstrauen
Ein weiterer neuralgischer Punkt ist die Programmierbarkeit. Schnabl warnt: „Die EZB plant derzeit nicht, dass der digitale Euro programmierbar ist. Aber digitales Geld ist im Kern Software, sodass es Regeln wie Zweckbindungen enthalten kann.“
Entscheidend sei nicht nur, was heute geplant sei – sondern was morgen politisch möglich wird: „Allein die Möglichkeit, dass digitales Geld programmiert werden kann, kann Misstrauen gegenüber dem digitalen Geld schaffen.“
Ein konkretes Beispiel lieferte Schnabl kürzlich im ZDF: „Wenn Sie nach Thailand oder Indonesien fliegen, ist das sehr CO₂-intensiv. Eine solche Transaktion könnte man theoretisch über einen digitalen Euro bestrafen. Und eine andere Transaktion – etwa der Kauf von Bio-Lebensmitteln – könnte man sogar belohnen.“
Zeitplan: Pilotprojekt 2027, Einführung 2029
Laut EZB-Pressemitteilung vom Oktober 2025 soll der rechtliche Rahmen 2026 geschaffen werden. Ab Mitte 2027 könnten Pilotprojekte mit Banken und Händlern starten. Das gesamte Eurosystem soll 2029 bereit für eine potenzielle Erstausgabe sein – vorausgesetzt, das Europäische Parlament verabschiedet die nötigen Rechtsvorschriften.
Der Zeitplan ist ambitioniert. Beim Euro-Gipfel im Oktober 2025 forderten europäische Staats- und Regierungschefs „raschere Fortschritte“, wie Euronews berichtet. Begründet wird der Druck mit der Abhängigkeit von US-Zahlungsplattformen wie Visa und Mastercard – und dem Vorbild China, das seinen digitalen Yuan seit 2020 testet.
Hohe Kosten ohne erkennbaren Nutzen
Schnabl kann den offiziellen Begründungen nichts abgewinnen. Er schließt sich der Schweizer Nationalbank an, die keinen Bedarf für einen digitalen Euro sieht. Die bestehenden privaten Zahlungssysteme genießen hohes Vertrauen: „Das erzeugt Kosten für den Steuerzahler und den Handel. Das größte Risiko ist ein Vertrauensverlust in den Euro.“
Vor allem der politische Zeitdruck könnte kontraproduktiv wirken. Umfragen zeigen bereits jetzt hohe Skepsis. „Bei einer forcierten Kampagne könnte auch der Eindruck entstehen, dass die EZB etwas gegen den Willen der Bürger erzwingen will“, warnt Schnabl. Die Folge: „Das könnte Verschwörungstheorien begünstigen.“
„EZB ist ein Geisterfahrer“
Mit seiner Kritik steht Schnabl nicht allein. Der Ökonom Peter Bofinger, früherer „Wirtschaftsweiser“, bezeichnete die EZB in der Neuen Zürcher Zeitung als „Geisterfahrer“. Während andere Notenbanken solche Pläne aufgegeben hätten, schaffe die EZB unnötig neues Zentralbankgeld und mache Geschäftsbanken Konkurrenz.
Auch der Ökonom Hanno Lorenz von der Agenda Austria warnt: Es handle sich „um ein staatliches Zahlungssystem, das technisch mehr kann als Bargeld – und damit auch mehr, als eine freie Gesellschaft brauchen sollte.“
„Bargeld ist Freiheit“
Für Schnabl steht fest: Der digitale Euro löst kein Problem, ist nicht nötig, schafft aber neue Risiken – zentrale Datenerfassung, potenzielle politische Eingriffe, Kosten und Vertrauensverlust.
Seine Botschaft gegenüber ZDFheute ist klar: „Bargeld ist Freiheit.“ Es sei die letzte Rückfallposition, wenn Technik versagt – und ein Freiheitsanker, den man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen darf.
In Deutschland wie in Österreich genießt Bargeld weiterhin besonders hohes Vertrauen. Die Frage lautet: Wie lange noch, wenn die EZB ihren digitalen Euro durchsetzt?
Credits: APA
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