Nach „Servus TV“ widmete sich auch der Fernsehsender „oe24 TV“ dem Fall Pilnacek. Der suspendierte Sektionschef Christian Pilnacek nahm sich, so die offizielle Version der Staatsanwaltschaft Krems, am 20. Oktober 2023 in einem Seitenarm der Donau das Leben. Wenige Stunden zuvor legte er eine zwölf Kilometer lange Geisterfahrt hin und musste mit 1,44 Promille Alkohol im Blut den Führerschein abgeben. „Der Un-Fall Pilnacek“ heißt der 26 Minuten lange Film von Aaron Brüstle und Rudolf Preyer, in dem immer wieder dieselben fünf Leute zu Wort kommen: Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz, FPÖ-General Christian Hafenecker, LKA-NÖ-Chef Stefan Pfandler, Christian Mattura und Karin Wurm, die letzte Freundin von Pilnacek.
Die Doku geht der Frage nach, „wie viel Mord im Selbstmord steckt.“ Vor allem liefert sie aber einen Vorgeschmack auf den Pilnacek-Untersuchungsausschuss, der von der FPÖ eingesetzt wurde und sich mit den Ermittlungen rund um den Tod des suspendierten Sektionschefs befassen soll. Rudolf Preyer als Mitgestalter der Doku erscheint dabei als Idealbesetzung: Auf unterschiedlichen Plattformen propagiert er seit Monaten die Mutmaßungen der FPÖ bzw. des ehemaligen grünen Nationalratsabgeordneten Peter Pilz. Auf LinkedIn schrieb Preyer zuletzt:
„Jetzt die Klickzahlen in die Höhe und den Schuldigen die Schamesröte ins Gesicht treiben.“
Der Blogger heuerte erst vor wenigen Wochen bei „oe24“ und der Mediengruppe ÖSTERREICH an – laut Eigenbeschreibung als Redakteur und Content Manager. Im August führte Preyer auf seiner Plattform „Kurs Ost-West“ ein Interview mit dem Autor des Buches „PICHLACEKS ENDE – im Rückwärtsgang“, wobei nicht bekannt ist, wer für die 64 Seiten der „Romangroteske“ verantwortlich zeichnet. Der Autor tritt unter dem Pseudonym Armin Prayner auf und vertritt die These, dass Christian Pilnacek im Beisein von Ex-Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka – im Buch Sabatko genannt – von Agenten des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad zusammengeschlagen worden und dann in einem Keller an Gärgasen erstickt wäre (heftiger.at).

Besonders ausführlich kam in der Mini-Doku von „oe24 TV“ Sebastian Kurz mit seiner altbekannten Kritik an der WKStA zu Wort. Der ehemalige Bundeskanzler äußerte sich bislang kaum zum Fall Pilnacek, weshalb die Doku-Macher das Interview mit dem früheren ÖVP-Chef durchaus als Erfolg verbuchen dürfen. Deutlich weniger spekulativ als in der 90-minütigen Reportage auf „Servus TV“ trat Christian Hafenecker auf. Mit der Frage, ob Christian Pilnacek ermordet wurde, wollte er sich gegenüber „oe24 TV“ erst „gar nicht befassen.“ Stattdessen hielt sich der FPÖ-General im Großen und Ganzen an den Inhalt seines U-Ausschuss-Antrages und stellte vorwiegend Fragen: „Warum sind die Ermittlungen so eigenartig verlaufen? Warum hat es wirklich so, ich möchte fast sagen, Anfängerfehler gegeben, was Spurensicherung betrifft und so weiter und so fort?“
Die „Hauptfrage“, die sich für Hafenecker stelle: „Gab es eine politische Anordnung, dass man in diesem Fall so umgeht, gewisse Beweismittel verschleiert oder verschiebt oder gar nicht aufnimmt?“ Und Hafenecker weiter: „Die Rückgabe des Telefons ist eine sehr, sehr eigenartige Sache und genau darum geht es. Es geht am Ende des Tages darum, sicherzustellen, dass die Institutionen des Staates richtig funktionieren, im Sinne der Bürger funktionieren, und im Fall Pilnacek und den dazugehörigen Ermittlungen habe ich schon den Eindruck, dass hier Einiges nicht ordnungsgemäß abgelaufen ist.“
So gut wie alle Fragen, die in der „oe24 TV“-Reportage aufgeworfen wurden, blieben unbeantwortet. Stattdessen konnten Karin Wurm und Christian Mattura einmal mehr in aller Öffentlichkeit mutmaßen. Mattura, der laut „oe24“ als Glücksspielunternehmer arbeite und sich aus steuerlichen Gründen nur die Hälfte des Jahres in Österreich aufhalten dürfe, ist Beschuldigter in einem Strafverfahren. Er war nicht nur jener Mann, der Christian Pilnacek heimlich aufnahm, sondern auch mithalf, dessen privaten Laptop verschwinden zu lassen – „exxtra24.at“ berichtete über den ominösen Weg des PCs und die Beteiligung des „Krone“-Journalisten Erich Vogl (exxtra24.at).

„Mattura hat auch den Laptop von Christian Pilnacek versteckt und dann weitergegeben, um der Aufklärung zu dienen, wie er selbst sagt“, hieß es im Sprechertext auf „oe24 TV“. Mattura gehört jenen Leuten an, die zwar keine Beweise haben, aber unbeirrt von einem gewaltsamen Tod des Sektionschefs sprechen: „Ich glaube, in diesem Land schließen das viele mittlerweile nicht mehr aus. Ich glaube, es gab in der Vergangenheit in Österreich immer wieder diverse Fälle so in Abständen von zehn Jahren, wo Dinge passieren, die man sich nicht erklären kann. Aliyev, Lütgendorf, der sich durch den Mund geschossen hat, also durch die Zähne. Es passieren Dinge, ich will mich da jetzt nicht positionieren in eine Richtung, aber man muss schon genau hinschauen, glaube ich. Wenn etwas geht wie eine Ente, quakt wie eine Ente und aussieht wie eine Ente, dann ist es manchmal auch eine Ente.“
Auch Karin Wurm glaubt immer noch, „dass Christian Pilnacek ermordet wurde.“ Wie sie ihre Behauptung begründet oder wer den Sektionschef umgebracht haben soll, erfuhr man nicht. Nach wie vor beruft sich die Betreiberin eines Schuhgeschäftes in der Kremser Innenstadt auf die Ausführungen der beiden Gerichtsmediziner Michael Tsokos und Stefano Longato, die von Peter Pilz für sein Buch „Pilnacek – Der Tod des Sektionschefs“ engagiert wurden, aber weder den Leichnam noch Fotos der Leiche gesehen haben. „Es geht sich nicht aus“, sagte Wurm und erklärte: „20 Verletzungen, zum Teil schwer, streck- und beugeseitig, das kann sich ein Mensch nicht zufügen, wenn er sich selbst das Leben nimmt.“

Spätestens seit Ausstrahlung der 90-minütigen „Servus TV“-Doku Ende September ist nicht nur den Insidern in diesem Fall bekannt, dass keiner der Privatgutachter belastbare Hinweise auf ein Tötungsdelikt gefunden hat, sondern Pilz wesentliche Inhalte ihrer Stellungnahmen schlichtweg wegließ.
Thema in der Doku war auch das Gespräch zwischen FPÖ-Generalsekretär Christian Hafenecker und Christian Pilnacek am 19. Oktober 2023 in der ungarischen Botschaft, also am Tag vor Pilnaceks Tod. Demnach wollte der suspendierte Sektionschef über die „Zustände in der Justiz“ sprechen, so Hafenecker. Und dieser weiter: „Er hat auch darauf verwiesen, dass sein Suspendierungsverfahren ganz bewusst in die Länge gezogen wird und dass das wohl in der damals noch aktuellen Legislaturperiode mit ÖVP und Grünen wohl zu keinem Abschluss mehr kommen wird.“
Wie Hafenecker ebenfalls wissen ließ, fädelte das etwa 25 bis 30 Minuten lange Gespräch in der ungarischen Botschaft eine Abgeordnete der ÖVP ein. Auch deshalb erscheint es unwahrscheinlich, dass Pilnacek, wie da und dort behauptet wird, über die ÖVP auspacken wollte. Vielmehr habe der Sektionschef „auch auf einige Missstände im Justizministerium hingewiesen“, so der Generalsekretär der FPÖ, und: „Er war auch der damaligen Justizministerin Zadić sehr kritisch gegenüber.“
Allerdings: All das war bereits bekannt, wirklich neue Erkenntnisse lieferte die „oe24 TV“-Doku nicht.
Credits: APA
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