Der Fall Pilnacek ist ein Negativbeispiel dafür, wie versucht wird, auf dem Rücken eines Toten politisches Kleingeld zu wechseln. Ohne jeden Beweis spricht eine kleine, dafür sehr vertraut wirkende Personengruppe davon, dass der ehemalige Sektionschef in den frühen Morgenstunden des 20. Oktober 2023 umgebracht worden wäre. Wer das nicht so sieht, wird im besten Fall ignoriert, im schlechtesten Fall diTamiert – das gilt für Polizisten und Staatsanwälte ebenso wie für Journalisten.
Die Gruppe, die die Mordtheorie propagiert, wird von Peter Pilz angeführt. Der ehemalige Nationalratsabgeordnete der Grünen präsentierte im Februar 2025 seine Recherchen in Form eines 240 Seiten starken Buches – sein kriminalistisches Fachwissen führte er dabei auf den Konsum der Sonntagabend-Serie „Tatort“ zurück. Mit seiner Behauptung, Christian Pilnacek könne „nur einem Tötungsdelikt zum Opfer gefallen sein“, begeisterte er nicht nur seine eigene Anhängerschaft, sondern auch den ehemaligen „Profil“- Redakteur Michael Nikbakhsh, Fabian Schmid vom „Standard“ und Erich Vogl von der „Kronen Zeitung“ – alle drei verstehen sich als Investigativjournalisten und berichteten über Monate hinweg nicht nur auffallend zeitnahe, sondern auch auffallend gleichlautend über die Inhalte, die Pilz auf seinem Portal „ZackZack“ veröffentlichte.
Besonders bemerkenswert ist die Rolle des „Krone“-Journalisten Erich Vogl. Ihm wurde nicht nur eine heimliche Tonaufnahme von Christian Pilnacek zugespielt, sondern auch der Laptop des verstorbenen Sektionschefs. Letzterer legte eine beachtliche Reise zurück, wie Vogl in einer 90-minütigen Doku auf „Servus TV“ selbst zum Besten gibt: „Ein Informant hat mich angerufen, ganz aufgekratzt, also kurz nachdem der Pilnacek gestorben ist und hat gesagt: Erich, ich fahre gerade auf der Autobahn und habe den Pilnacek-Laptop, was soll ich damit machen? Da habe ich gesagt: Na, gut, dann nimm den Laptop und verstecke ihn irgendwo in einem Schließfach, keine Ahnung oder irgendwo, wo ihn niemand findet.“
In weiterer Folge gelangt Vogl selbst in den Besitz des Laptops: „Es verging ein bisschen Zeit und irgendwann haben sie angerufen und gesagt: Du, Erich, der Laptop liegt jetzt bei einem Anwalt, bei einem Innenstadtanwalt, ein nicht unbekannter, ich nenne keine Namen, Redaktionsgeheimnis, und haben gesagt: Erich, es gibt jemanden, der bezahlt, dass er den Laptop hackt und der gehackt wurde. Willst du das Ding haben? Naja, habe ich gesagt, natürlich, her damit.“ Mit derselben Selbstverständlichkeit – zu diesem Zeitpunkt war bereits bekannt, dass der Laptop dem Erbschaftsverfahren unrechtmäßig entzogen worden war – versteckt Vogl laut „Servus TV“ das Gerät in der Wohnung seiner Lebensgefährtin und wertet es aus: „Ich habe das alles abgesaugt und auf einem externen Datenträger gespeichert, natürlich!“
In einem Kaffeehaus übergibt Erich Vogl den Laptop dann Martin Kreutner, der die sogenannte Pilnacek-Kommission leitete. Nachdem – ebenfalls ohne erkennbare Rechtsgrundlage – die Daten aufbereitet worden waren, übergab Kreutner das Gerät der WKStA, wo es seit Monaten ausgewertet wird. Wie aussagekräftig die Daten sind, ist unklar. Dass sie noch im Original vorhanden sind, ist unwahrscheinlich. Gegenüber „Servus TV“ konnte der „Krone“-Journalist Erich Vogl auch dazu Angaben machen: „Bevor er (der Laptop, Anm.) über Umwege zu mir gelangt ist und zur Staatsanwaltschaft gelangt ist, gab es einen ehemaligen Geheimdienstler, der – das hat sich erst vor kurzem herausgestellt – den Laptop unter Anführungszeichen durchforstet hat. Was der dort weggetan hat? Angeblich die ganzen privaten Dinge, das kann sein. Es ist ja kaum etwas Privates darauf, also wirklich nur Begräbnis der Mutter oder ein, zwei Dokumente zu seinem Gesundheitszustand. Es war eigentlich ganz, ganz gering“, erklärt Vogl.
Vogl, aber auch Peter Pilz und Karin Wurm, die letzte Freundin von Christian Pilnacek, wurden im Zusammenhang mit dem Verbleib bzw. Verschwinden des Laptops angezeigt. Die Anzeige erstattete Caroline List, die Witwe des Sektionschefs. Im Sommer 2025 stellte die Staatsanwaltschaft St. Pölten die Ermittlungen gegen Pilz und Vogl ein. Pilz dürfte das Gerät tatsächlich nie besessen haben. Die Ermittlungen gegen Vogl wurden eingestellt. Es bestehe, so die Begründung, kein weiterer Tatverdacht, „dass dieser sich Zugriff zu den darauf gespeicherten Daten verschafft oder zu derartigen Tathandlungen anderer beigetragen habe.“ Gegenüber „Servus TV“ hat Vogl einen solchen Zugriff jedoch selbst eingestanden und darüber hinaus einer anderen Person geraten, den Laptop zu verstecken, also den Berechtigten vorzuenthalten. Bleibt abzuwarten, wie die Staatsanwaltschaft St. Pölten mit diesen neuen Informationen umgehen wird.

Credits: Screenshot
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