Erst Postenschacher-Vorwürfe, jetzt offene Rücktrittsforderungen aus der eigenen Partei: Der Fall des Wiener Wirtschaftskammer-Präsidenten Walter Ruck weitet sich zur handfesten ÖVP-Affäre aus. Während prominente Parteikolleginnen ihn öffentlich zum Aufgeben drängen, taucht Ruck selbst lieber ab.
Ein Geheimprotokoll bringt den Stein ins Rollen
Ausgelöst wurde die Affäre durch ein geleaktes Gesprächsprotokoll aus einer vertraulichen Männerrunde rund um den Jahreswechsel 2025/26. Die Magazine „Profil“ und die „Kronen Zeitung“ berichteten daraus ausführlich, wie wien.ORF.at zusammenfasst: Ruck soll sich darin gebrüstet haben, bei Postenbesetzungen in der Wiener Wirtschaftskammer und in der Stadtpolitik mitzumischen – etwa beim gut dotierten Geschäftsführerposten von Manfred Juraczka in der Wirtschaftsagentur Wien, den er laut eigener Schilderung im Weinkeller und später beim Schweizerhaus mit Bürgermeister Michael Ludwig ausgehandelt haben will, wie „Profil“ in seiner Recherche dokumentiert. Dazu kommen laut übereinstimmenden Berichten abfällige Aussagen über Industrielle, Parteifreunde und Frauen.
Edtstadler wird im ORF-Journal deutlich
Was die Affäre nun auf eine neue Eskalationsstufe hebt, ist der öffentliche Rücktrittsappell aus der eigenen Partei. Im Ö1-„Mittagsjournal“ sprach sich Salzburgs Landeshauptfrau Karoline Edtstadler (ÖVP) am Donnerstag klar dafür aus, dass Ruck Konsequenzen ziehen müsse. Auf die direkte Frage, ob es um einen Rücktritt gehe, antwortete sie knapp mit „Ja“ – und ergänzte, sollten die protokollierten Passagen stimmen, dann habe so etwas „im 21. Jahrhundert in einer Politik in Österreich nichts verloren“, wie Salzburg24 aus dem Interview zitiert.
Korosec bringt sogar Parteiausschluss ins Spiel
Noch schärfer positioniert sich Seniorenbund-Präsidentin Ingrid Korosec. Der ÖVP-Ethikrat befasst sich derzeit mit dem Fall, doch das gehe ihr zu langsam: „Aber irgendwas muss geschehen“, so die Wiener ÖVP-Landtagsabgeordnete. Sollte der Ethikrat einen Parteiausschluss empfehlen, werde sie das unterstützen – vorausgesetzt, die Vorwürfe bestätigen sich. Dass Ruck bislang nicht von sich aus zurückgetreten sei, nennt Korosec „unverständlich“. Besonders kritisch sieht sie das in den Protokollen gezeichnete Frauenbild: Das sei „nicht vergangenes Jahrhundert, das ist 200 Jahre zurück“.
Uneinigkeit in der eigenen Partei
Nicht alle in der ÖVP wollen so weit gehen. Vorarlbergs Landeshauptmann Markus Wallner sieht zwar erheblichen Schaden für die Partei – „es hilft natürlich überhaupt nicht“ – vermeidet aber eine direkte Rücktrittsforderung: Das wäre „ein intensiver Zuruf aus dem Westen in den Osten“, den er sich nicht erlauben wolle. Europaministerin Claudia Bauer wiederum schiebt die Verantwortung komplett auf die SPÖ Wien: Diese halte Ruck „die Stange“ und mache das Problem damit zu ihrem eigenen, sagte sie gegenüber der ORF-„ZIB“.
Rückendeckung ausgerechnet von der SPÖ
Tatsächlich ist es vor allem Wiens Bürgermeister Michael Ludwig, der öffentlich zu Ruck steht – eine Konstellation, die parteiintern für Kopfschütteln sorgt. Wie Heute.at berichtet, bezeichnete Ludwig Ruck als „umsichtigen und vertrauensvollen Gesprächspartner“ und rechnet nicht mit dessen Rückzug: „Charakterstärke zeigt sich bei Gegenwind.“ Innerhalb der SPÖ ist das allerdings umstritten: Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner kritisierte das „Konzept von ‚exklusiven Herrenrunden'“ als „verstaubtes Politikverständnis, das im Jahr 2026 nichts mehr zu suchen hat“ – SPÖ-Chef Andreas Babler schloss sich dem an.
Ruck schweigt und wartet ab
Ruck selbst äußert sich öffentlich nicht zu den Vorwürfen. Sein Sprecher hatte die Aufzeichnung zuvor als „potenziell illegal angefertigte“ und nicht verifizierbare Tonaufnahme infrage gestellt. Nach eigenem Umfeld setzt der WKW-Chef auf die Strategie „Schotten dicht und durchfahren“: Er wolle vorerst für einige Wochen abtauchen, um anschließend zu versuchen, die Wogen intern zu glätten. Rückendeckung erhält er bislang von seiner Vize Margarete Kriz-Zwittkovits sowie vom Wiener Wirtschaftsbund-Direktor Florian Kollenz, der Berichte über eine Austrittswelle in der Organisation zurückweist und stattdessen von einer „sehr positiven Entwicklung“ bei den Mitgliederzahlen spricht.
Was auf dem Spiel steht
Beobachter verweisen darauf, dass die Affäre längst nicht nur Ruck selbst beschädigt. Auch jene, die seinen Rücktritt einfordern – darunter ÖVP-Chef Christian Stocker und WKÖ-Präsidentin Martha Schultz – geraten zunehmend unter Druck, da eine ungelöste Personalie in einer zentralen Wirtschaftsinstitution auf die gesamte Partei zurückfällt. Ob und wann sich Ruck zu seiner Zukunft äußert, bleibt vorerst offen.
Credits: Parlamentsdirektion, Thomas Topf
Neueste Kommentare