Die Wirtschaftskammer kommt nicht zur Ruhe. Nach dem Rücktritt von Bundespräsident Harald Mahrer im November 2025 entfachen nun Enthüllungen über den Wiener Wirtschaftskammerpräsidenten Walter Ruck eine neue Debatte. Der Unternehmer Stephan Zöchling fordert als Initiator der Initiative #zusammenstaerker klare Antworten – und stellt die Frage, ob die angekündigte Erneuerung der Interessensvertretung nur leere Worte waren.
Familie Ruck in Schlüsselpositionen
Die Vorwürfe wiegen schwer. Wie das Magazin Profil am 11. Januar berichtete, soll Walter Ruck, seit 2014 Präsident der Wiener Wirtschaftskammer und Obmann des ÖVP-Wirtschaftsbunds, Familienangehörige in wichtige Positionen gehievt haben. Konkret geht es um Funktionen in Sozialversicherungsanstalten, bei deren Besetzung die Sozialpartner Arbeiterkammer und Wirtschaftskammer Mitspracherecht haben.
Wie ORF Wien unter Berufung auf den Profil-Bericht meldet, wurde Rucks Sohn Christopher in den Landesstellenausschuss der Unfallversicherung AUVA entsandt. Sein anderer Sohn, Alexander Ruck, ist Vorsitzender im Landesstellenausschuss der Pensionsversicherung. Rucks Lebensgefährtin ist Vorsitzende im Landesstellenausschuss der Sozialversicherung der Selbstständigen.
Die Vorsitzfunktionen sind laut Profil mit rund 1.930 Euro monatlich vergütet, alle anderen Ausschussmitglieder erhalten Sitzungsgeld und Fahrtkosten. Diese Ausschüsse treffen verbindliche Beschlüsse darüber, was mit dem Versichertengeld passiert, etwa wer Leistungen aus dem Unterstützungsfond bekommt.
Schweigen verschärft Vertrauenskrise
Walter Ruck hat sich zu den Vorwürfen seit mehr als einer Woche weder gegenüber dem ORF Wien noch gegenüber Profil geäußert. Auch auf die Frage, ob er Einfluss auf die Entscheidung des Wirtschaftsbunds für die Entsendung seiner Familienangehörigen genommen oder sich beim Beschluss für befangen erklärt hat, gab es keine Antwort.
Der Wirtschaftsbund selbst verweigert jegliche Stellungnahme. Wie Vienna.at berichtet, heißt es lediglich: „Der Wirtschaftsbund steht als wahlwerbende Fraktion im Wettbewerb. Aus diesem Grund wird er über Pläne, Strategien oder Ziele – in diesem Fall im Zusammenhang mit Personalentscheidungen – öffentlich keine Auskunft erteilen.“
Für Stephan Zöchling ist dieses Schweigen Teil des Problems. Wie oe24 berichtet, sagt der Remus-Chef: „Wenn selbst interne Funktionäre keine klaren Antworten auf einfache Budgetfragen bekommen, dann ist das kein Kommunikationsproblem mehr, sondern ein massives Führungsversagen.“
Interne Hinweise bestätigen Kritik
Die Initiative #zusammenstaerker beruft sich auf interne Hinweise namhafter Kammerfunktionäre der WKO Wien, die die Kritik bestätigen würden. Selbst bei zentralen Budgetfragen sei es nicht möglich, nachvollziehbare Informationen zu erhalten. Dabei ist laut oe24 die Rede von intransparenten Geldflüssen, fehlender Rechenschaft und systematischer Ungleichbehandlung von Fachgruppen.
„Postenschacher und intransparente Geldflüsse sind keine getrennten Skandale, sondern Symptome desselben Systems“, sagt Zöchling. „Wer Unternehmen zu Pflichtbeiträgen zwingt, muss jeden Euro transparent verantworten. Das Geld der Unternehmer ist kein Topf, aus dem sich Funktionäre nach Lust und Laune bedienen können.“
Löschaktion bei der WKO
Besonders brisant: Wie Profil in einem Folgebericht am 20. Januar enthüllte, wurde wenige Tage nach der ersten Recherche ein Eintrag von der Website der WKO gelöscht. Dort war Rucks Ehefrau als „Testimonial“ und als „Erfolgsgeschichte“ für Ein-Personen-Unternehmen angepriesen worden.
Über die Wayback-Machine, ein Archiv von Internetwebseiten, lässt sich die ursprüngliche Seite noch aufrufen. Dort ist von ihrem „innovativen Ansatz“ als „Lehrlingsexpertin“ zu lesen und davon, dass sie einen „Sonderpreis“ der WKO erhalten hat, weil sie „das beste Ein-Personenunternehmen in der Unternehmensberatung“ sei.
Sonderbar: Den mit 2.500 Euro dotierten Preis hat die WKO bisher nur ein einziges Mal verliehen – im Jahr 2024, eben an Rucks Ehefrau. Die WKO schreibt auf Profil-Anfrage, die Website inklusive Testimonials werde „laufend aktualisiert“.
Politische Karrieren der Söhne
Die Ruck’sche Familienpolitik beschränkt sich nicht auf die Sozialversicherung. Wie Profil berichtet, ist Christoph Ruck 2025 zum Innungsmeister Bau in der Sparte Gewerbe/Handwerk aufgestiegen – jene Funktion, die sein Vater innehatte, bevor er zum Präsidenten aufstieg.
Alexander Ruck wurde bei der Wiener Gemeinderatswahl 2025 als Spitzenkandidat in Döbling aufgestellt, obwohl er zuvor politisch kaum in Erscheinung getreten war und dort nicht einmal lebt. Das sorgte bereits für Verstimmung in der ÖVP.
Walter Rucks Amtszeit als Wirtschaftskammerpräsident endet aufgrund der Statuten, die nur drei Amtszeiten vorsehen, fix im Jahr 2030. Vieles deutet laut Profil darauf hin, dass er bereits jetzt an die Zeit danach denkt.
FPÖ fordert Aufklärung
Die FPÖ übte scharfe Kritik. Der freiheitliche Wirtschaftssprecher Michael Fürtbauer bezeichnet die Vorwürfe als „weiteren Tiefpunkt im schwarzen Sumpf der Wirtschaftskammer“. Wie die FPÖ in einer Aussendung mitteilt, zeige der Fall „die unfassbare Schamlosigkeit des Systems ÖVP“.
„Die neuesten Enthüllungen rund um Walter Ruck wären der nächste Beweis für die schamlose Selbstbedienungsmentalität im schwarzen Machtzirkel“, so Fürtbauer. Die Wirtschaftskammer, finanziert durch Zwangsbeiträge der Unternehmer, werde „mutmaßlich als privater Versorgungsapparat für die eigene Familie missbraucht“.
Auch der blaue Wiener Landtagsabgeordnete Udo Guggenbichler meldete sich zu Wort. Wie Vienna.at berichtet, sind die Funktionen von Familienangehörigen für die FPÖ „zumindest erklärungsbedürftig“. Gerade in der Selbstverwaltung müssten höchste Maßstäbe an Transparenz, Objektivität und Befangenheit gelten. „Die Wirtschaftskammer ist eine gesetzliche Pflichtvertretung und kein politischer Selbstbedienungsladen.“
43 Vizepräsidenten und keine Reformen
Mit dem Amtsantritt der neuen Bundespräsidentin Martha Schultz wurde ein Neuanfang in Aussicht gestellt. Bislang bleibt jedoch offen, worin dieser konkret bestehen soll. Wie oe24 berichtet, wurden weder bestehende Machtstrukturen hinterfragt noch Konsequenzen aus vergangenen Fehlentwicklungen gezogen.
So verfügt die WKO weiterhin über 43 Vizepräsidenten. Auch wurden die umstrittenen Gehaltserhöhungen in Tirol und Oberösterreich bislang nicht korrigiert. Im November hatte die Initiative #zusammenstaerker bereits klare Reformschritte eingefordert. Passiert sei seitdem nichts, kritisiert Zöchling.
„Eine neue Präsidentin ist kein Neuanfang, solange dieselben Netzwerke im Hintergrund weiter die Fäden ziehen. Wer Reformen ankündigt und sie dann aussitzt, betreibt Augenauswischerei“, so Zöchling laut oe24.
Initiative fordert klare Regeln
Die Initiative #zusammenstaerker will jetzt klare und transparente Regeln zur Vermeidung von Interessenskonflikten sowie eine öffentliche Aufarbeitung der aktuellen Personal- und Finanzvorwürfe. „Solange Fragen unbeantwortet bleiben, leidet nicht nur die Glaubwürdigkeit der Kammer, sondern auch die Akzeptanz der Pflichtmitgliedschaft insgesamt“, sagt Zöchling.
Die überparteiliche Initiative, die im Vorfeld der Nationalratswahl 2024 von Stephan Zöchling ins Leben gerufen wurde, hatte sich ursprünglich gegen ein Erstarken der extremen politischen Ränder eingewandt. Wie OTS berichtet, wird die Initiative aus eigenen Mitteln der beteiligten Wirtschaftstreibenden finanziert.
Im November 2025 startete Zöchling eine Petition unter dem Motto „Schluss mit dem Kammerhammer“. Wie oe24 damals berichtete, wird darin eine Halbierung der Pflichtbeiträge, mehr Transparenz und Strukturreformen gefordert. „Schon hunderte Unternehmer unterstützen die Pläne“, sagte Zöchling.
Kammerreserven von zwei Milliarden
Der Hintergrund der Kritik: Die Kammerreserven sollen bereits zwei Milliarden Euro betragen. 2024 hat die Kammer laut oe24 911 Millionen Euro eingenommen. Heuer dürften es 930 Millionen Euro sein.
Stephan Zöchling, der als CEO von Remus, einem international erfolgreichen Sportauspuff-Hersteller, tätig ist und rund 35 Firmenfunktionen innehat, hatte in einem Interview mit oe24.TV sogar einen Boykott der Kammerzahlungen angedroht: „Wenn die WKO ihren Auftrag aus den Augen verliert, muss sie ihn vielleicht wieder spüren lernen.“
Wie Exxpress berichtet, bezeichnete Zöchling die WKO als „Bürokratie-Monster“ mit über 5.800 Mitarbeitern, das „aus der Zeit gefallen“ sei. „Diese Vermögen kommen nicht den Mitgliedern zugute, sondern dem Apparat“, kritisierte er. Während Unternehmer ums Überleben kämpfen, bleibe der bürokratische Überbau unangetastet.
Skandalserie ohne Ende
Der Fall Ruck reiht sich in eine Serie von Skandalen ein, die die Wirtschaftskammer erschüttert haben. Nach dem Rücktritt von Harald Mahrer im November 2025, der wegen hoher Funktionärsgagen und Doppelbezügen in die Kritik geraten war, sollte eigentlich ein Neuanfang erfolgen.
Wie ORF Steiermark berichtet, hatte die Gehaltserhöhung um 4,2 Prozent für WKO-Mitarbeiter – während viele Betriebe sparen mussten – für massive Kritik gesorgt. Auch namhafte steirische Unternehmer wie Stefan Stolitzka, ehemaliger Präsident der Industriellenvereinigung Steiermark, sprachen von Intransparenz: „Als Beitragszahler ist man hier natürlich irritiert.“
Für eine Pflichtmitgliedschaftsorganisation, die sich aus Zwangsbeiträgen aller Unternehmen finanziert, sei das Vorgehen „nicht länger akzeptabel“, betont Zöchling. „Die Unternehmen haben ein Recht zu wissen, was mit ihrem Geld passiert, und wer davon profitiert.“
Quellen: oe24.at, Profil, ORF Wien, Vienna.at, VOL.at, FPÖ, OTS, Exxpress, ORF Steiermark, Pressefeuer
Credits: APA
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