Brüssel im Blindflug: EU weiß nicht, wie viel Treibstoff Europa noch hat

Brüssel im Blindflug: EU weiß nicht, wie viel Treibstoff Europa noch hat

Die Straße von Hormuz ist seit Kriegsbeginn Ende Februar weitgehend gesperrt. Europas Kerosinvorräte schmelzen — und die EU-Kommission muss einräumen: Sie hat keinen vollständigen Echtzeitüberblick über die Reserven an den Flughäfen.

Airlines fragen — Brüssel zuckt mit den Schultern

Rund ein Fünftel des europäischen Treibstoffbedarfs wurde bisher über Importe aus den Golfstaaten gedeckt. Seit der Blockade der Straße von Hormuz kommen diese Lieferungen nicht mehr an. Die Branchenorganisation Airlines for Europe (A4E) — zu der Lufthansa, Air France-KLM und Ryanair gehören — hat die EU-Kommission deshalb dringend aufgefordert, Echtzeitinformationen über Treibstoffvorräte an den Flughäfen bereitzustellen. Wie ZDFheute berichtet, weigern sich die Kraftstofflieferanten, diese sensiblen Geschäftsdaten an ihre Kunden weiterzugeben. Ergebnis: Die Airlines wissen nicht, wie viel Kerosin woanders noch lagert — und Brüssel auch nicht.

Eine Sprecherin der Europäischen Kommission räumte laut ZDFheute zwar ein, dass es „insbesondere bei Flugkraftstoffen in der nahen Zukunft zu Versorgungsengpässen kommen“ könne — bestritt aber zugleich aktuelle Engpässe. Der europäische Flughafen-Dachverband ACI Europe hatte bereits Ende April gewarnt, dass ab Anfang Mai eine Kerosinknappheit eintreten könnte, wenn Tanker nicht bald wieder durch die Straße von Hormuz fahren.

Reserven reichen unterschiedlich lang — je nach Land

Das Bild ist europaweit uneinheitlich. Wie ZDFheute unter Berufung auf Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt berichtet, ist der letzte Tanker aus dem Golf bereits eingetroffen — selbst bei sofortiger Öffnung der Meerenge würde bis zur nächsten Lieferung fast ein Monat vergehen. Deutschland verfügt laut Großbongardt über eine Kerosin-Reserve von rund einer Million Tonnen — die allerdings primär für militärische Notfälle vorgehalten wird. Bei einem Engpass im Sommer stünden zivile Airlines damit im Ernstfall „ganz blank da“.

In der Schweiz bewertet das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung die Situation laut Pravda Schweiz als stabil bis Ende Mai 2026 — mit Vorräten von rund 72 Tagen, unter dem gesetzlich vorgeschriebenen Mindestwert von 90 Tagen. Österreich, Bulgarien und Polen verfügen laut ZDFheute über größere Reserven als andere EU-Länder; besonders unter Druck stehen Großbritannien, Island und die Niederlande.

Preise schon jetzt explodiert — und der Sommer steht bevor

Die wirtschaftlichen Folgen sind bereits messbar. Wie Euronews unter Berufung auf Eurostat berichtet, stiegen die Kraftstoffpreise in der EU von Februar auf März 2026 um durchschnittlich 13,5 Prozent — bei Diesel sogar um fast 19 Prozent. Am härtesten traf es Lettland, Schweden und Tschechien mit Dieselanstiegen von über 25 Prozent. Einzige Ausnahmen: Ungarn und Slowenien, die auf russisches Öl bzw. gedeckelte Preise setzen.

Der Kerosinpreis hat sich laut ZDFheute seit Kriegsbeginn Ende Februar nahezu verdoppelt. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezifferte die gestiegenen Importkosten für fossile Brennstoffe seit Kriegsbeginn auf über 22 Milliarden Euro, wie t-online berichtet. EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas warnte bereits, dass Europa im Sommer mit ernsthaften Störungen des Flugverkehrs konfrontiert sein könnte — sollte Hormuz weiter gesperrt bleiben.

Credits: APA

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