1,7 Millionen Österreicher armutsgefährdet — 170.000 mehr als noch im Vorjahr

1,7 Millionen Österreicher armutsgefährdet — 170.000 mehr als noch im Vorjahr

Die neuesten Zahlen der Statistik Austria sind ein Weckruf: Fast jeder fünfte Österreicher ist armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Und das in einem Jahr, in dem das Haushaltseinkommen im Durchschnitt gestiegen ist.

Die Zahlen — und was sie bedeuten

Wie orf.at unter Berufung auf die aktuelle EU-SILC-Erhebung der Statistik Austria berichtet, waren 2025 in Österreich 1.699.000 Menschen — das entspricht 18,8 Prozent der Bevölkerung — armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Im Jahr davor waren es noch 16,9 Prozent. Das ist ein Anstieg um 170.000 Menschen innerhalb eines einzigen Jahres.

Besonders deutlich wird die Schieflage beim Blick auf die Armutsgefährdungsquote im engeren Sinn: Der Anteil der Bevölkerung mit einem Haushaltseinkommen unter der EU-Schwelle von 60 Prozent des Medianeinkommens — also unter 1.806 Euro netto im Monat — stieg von 14,3 auf 16 Prozent. Das entspricht 1.448.000 Menschen. Statistik-Austria-Generaldirektorin Manuela Lenk brachte den Befund auf den Punkt: Das Einkommen sei zwar gewachsen, aber nicht für alle gleich.

Wer besonders betroffen ist

Die Zahlen zeigen klare Muster. Laut orf.at sind Arbeitslose mit 34 Prozent am häufigsten in der untersten Einkommensgruppe vertreten. Drittstaatsangehörige folgen mit 36 Prozent, EU- und EFTA-Bürger mit 20 Prozent. Alleinerziehende landen zu 25 Prozent in diesem Segment, Familien mit drei oder mehr Kindern zu 18 Prozent, Alleinlebende zu rund 19 Prozent.

Besonders alarmierend: 411.000 Kinder und Jugendliche sind armuts- oder ausgrenzungsgefährdet — 81.000 mehr als im Vorjahr. Volkshilfe-Direktor Erich Fenninger erneuerte gegenüber orf.at die Forderung nach einer Kindergrundsicherung: „Kinderarmut widerspricht den Kinderrechten.“

Einen Urlaub pro Jahr konnten sich laut Erhebung 17,8 Prozent der Bevölkerung nicht leisten.

NGOs schlagen Alarm — und kritisieren das Sparpaket

Die Reaktionen aus der Zivilgesellschaft ließen nicht lange auf sich warten. Rotkreuz-Präsident Gerald Schöpfer bezeichnete die Zahlen gegenüber orf.at als „Alarmsignal“ und appellierte an die Bundesregierung, „dort zu sparen, wo es sinnvoll ist, und nicht auf Kosten der Armen.“ Die Caritas schloss sich an: „Es kann nicht sein, dass bei den Menschen gekürzt wird, die bereits heute von Armut betroffen sind.“

Die Armutskonferenz richtete ihren Angriff direkt gegen das Doppelbudget 2027/28: Die geplante Anhebung der Arbeitslosenversicherungsbeiträge bei niedrigen Einkommen sei eine „frauenfeindliche und unausgewogene Maßnahme“, die vor allem Frauen in schlecht bezahlten Jobs treffe — Voll- und Teilzeit gleichermaßen.

Regierung verteidigt Kurs

Finanzstaatssekretärin Barbara Eibinger-Miedl (ÖVP) wies die Kritik im Ö1-Morgenjournal zurück. Die Erhöhung der Beiträge ziele darauf ab, dem Trend zur Teilzeit bei Personen ohne Betreuungspflichten entgegenzuwirken — derzeit sei Teilzeitarbeit gegenüber Vollzeit steuerlich begünstigt, was man korrigieren wolle.

Dass diese Argumentation auf Menschen trifft, die laut Statistik Austria bereits jetzt an der Armutsgrenze leben, macht den Zielkonflikt deutlich sichtbar.

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