Berlinale-Eklat: „Völkermord“-Vorwurf auf der Bühne – Minister verlässt den Saal

Berlinale-Eklat: „Völkermord“-Vorwurf auf der Bühne – Minister verlässt den Saal

Die 76. Berlinale endet nicht mit Glamour, sondern mit einem politischen Knall. Ein ausgezeichneter Regisseur wirft der Bundesregierung offen vor, am Völkermord in Gaza teilzunehmen. Der einzige anwesende Minister steht auf – und geht.

Die Rede, die alles überschattete

Am Samstagabend, 22. Februar, wurde der syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah Alkhatib bei der Abschlussgala der Berlinale für sein Spielfilmdebüt „Chronicles From the Siege“ mit dem GWFF-Preis für das beste Spielfilmdebüt ausgezeichnet. Was folgte, war keine klassische Dankesrede.

Mit einer palästinensischen Flagge auf der Bühne – die allerdings falsch herum gehalten wurde – wandte er sich direkt an die Bundesregierung: „Sie machen mit beim Genozid Israels in Gaza. Und ich glaube, dass sie intelligent genug sind, um diese Wahrheit zu erkennen. Aber sie wählen, dass es ihnen nicht wichtig ist. Free Palestine – von jetzt an bis zum Ende dieser Welt.“ Jüdische Allgemeine

Alkhatib hatte zuvor erklärt, man habe ihm geraten, vorsichtig zu sein, weil er als Flüchtling in Deutschland lebe und es „so viele rote Linien“ gebe. Er wolle sich davon nicht leiten lassen.

„Wir werden uns an jeden erinnern“

Besonders brisant: Alkhatib legte nach. Er kündigte an, man werde sich an jeden erinnern, „der an unserer Seite stand – und an jeden, der gegen uns war.“ Im Saal mischten sich Applaus und Zwischenrufe.

Nicht weniger deutlich war die libanesische Regisseurin Marie-Rose Osta, die den Goldenen Bären für den besten Kurzfilm erhielt. Sie kritisierte die israelische Kriegsführung und erklärte: „Der Völkermord geht voran, auch trotz des Völkerrechts.“ Das Massaker vom 7. Oktober erwähnte sie dabei nicht. 20 Minuten Moderatorin Désirée Nosbusch reagierte mit den Worten, man denke an alle Menschen, die durch Krieg oder Terrorismus litten.

Schneider verlässt die Gala

Im Publikum saß Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) – als einziger Vertreter der Bundesregierung. Während der Rede verließ er den Saal. Ein Sprecher seines Ministeriums teilte danach mit: „Bundesminister Schneider hält diese Aussagen für nicht akzeptabel und hat daher während der Rede die Veranstaltung verlassen.“ T-online

Die offizielle Position Berlins ist klar: Die Bundesregierung ist der Ansicht, dass Israel keinen Völkermord begeht, sondern sich nach dem Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 verteidigt. Unbestritten ist jedoch, dass die humanitäre Lage im Gazastreifen dramatisch ist und schwere Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht im Raum stehen. T-online

Scharfe Reaktionen aus Politik und Kultur

Der Eklat zog umgehend Kritik auf sich. Israels Botschafter Ron Prosor lobte Schneiders Reaktion: Er sprach von „moralischer Klarheit“ des Ministers. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) warf den Rednern vor, die Preisverleihung zu missbrauchen, um „moralische Tribunale zu inszenieren“ – es gehe ihnen „allein um Israel-Hass.“

CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann sprach von „abstoßenden Szenen“ und erklärte, „Völkermord-Vorwürfe, antisemitische Ausfälle und Drohungen gegen Deutschland auf der Berlinale“ seien „absolut inakzeptabel“. ZDFheute

Schauspielerin Uschi Glas zeigte sich erschüttert: Dass die Mehrheit sitzen geblieben sei, stimme sie traurig. Islamismus-Experte Ahmad Mansour bezeichnete die Rede als „von Propaganda geprägt“ – das sei „keine Debatte“, sondern „Einschüchterung.“

Vorbelastetes Festival

Der Eklat kam nicht aus dem Nichts. Bereits im Vorfeld hatten mehr als 80 Filmschaffende – darunter Tilda Swinton und Javier Bardem – in einem offenen Brief das „institutionelle Schweigen der Berlinale zum Völkermord an den Palästinensern“ kritisiert. TV Movie Berlinale-Chefin Tricia Tuttle wies Zensurvorwürfe zurück: Niemand sei „zum Schweigen gebracht“ worden. Jurypräsident Wim Wenders hatte erklärt, man müsse sich „aus der Politik heraushalten“ – eine Aussage, die selbst für Wirbel sorgte.

Die 76. Berlinale hat damit eindrücklich gezeigt, was das Festival seit dem Kalten Krieg auszeichnet: Es war schon immer das politischste unter den großen Filmfestivals der Welt – und 2026 ist keine Ausnahme.


Quellen: Exxpress.at (23.02.2026), ZDFheute (22.02.2026), t-online (22.02.2026), Apollo News (22.02.2026), Jüdische Allgemeine (22.02.2026), 20 Minuten (22.02.2026), tvmovie.de (24.02.2026), Bild (via mehrere Quellen)

Credits: APA

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