Babler ist nicht am Boulevard gescheitert. Sondern an Babler.

Babler ist nicht am Boulevard gescheitert. Sondern an Babler.

Der “Spiegel” hat den Täter gefunden. Drei Boulevardzeitungen, zwei Verlegerfamilien, ein Haufen Fördergeld. Sie hätten sich auf Andreas Babler “eingeschossen”, schreibt das Hamburger Magazin, und jetzt muss er gehen. Eine schöne Geschichte. Mit Bösewichten, Motiv und Geld. Nur eine Figur kommt darin kaum vor: Andreas Babler.

Ja, sie mochten ihn nicht

Machen wir es kurz: Der Boulevard hat Babler gehasst. Und er hatte Gründe. Babler hat die Regierungsinserate zusammengestrichen, im ersten Halbjahr gab der Bund laut KommAustria nur noch 5,8 Millionen Euro für Werbung aus, “Krone”, “Heute” und oe24 verloren zusammen 1,5 Millionen. Er wollte die Förderung für Gratiszeitungen streichen. Wer einem Verleger ans Geld geht, bekommt keine Liebesbriefe. Das ist nicht Verschwörung, das ist Österreich. Aber eine Zeitung kann nur auf ein Ziel schießen, das stillhält. Babler hat sich jahrelang bemüht, ein besonders großes zu sein.

Gewählt durch Zählfehler

Seine Karriere an der Spitze begann mit einer Szene, die man sich nicht ausdenken kann. Parteitag 2023: Hans Peter Doskozil wird zum Sieger erklärt, lässt sich feiern. Dann stellt sich heraus, dass jemand die Stimmen vertauscht hat. Babler hat gewonnen. Die älteste Partei des Landes konnte nicht einmal ihre eigenen Delegierten zählen. Kurz darauf tauchten Aussagen aus dem Jahr 2020 auf: Babler bezeichnete sich als Marxist und die EU als das “aggressivste außenpolitische militärische Bündnis, das es je gegeben hat”. Für einen Mann, der Kanzler werden wollte, ein Bewerbungsschreiben mit Kaffeeflecken. Dafür brauchte es keine “Krone”. Dafür reichte ein Mikrofon.

Rekord nach unten

Dann kam der Wähler. Nationalratswahl 2024: 21,1 Prozent, das schlechteste Ergebnis in der Geschichte der SPÖ. Und es ging weiter bergab. Heute liegt die Partei bei 12 bis 14 Prozent, bei OGM und IFDD hinter den Grünen. In der Kanzlerfrage kam Babler bei Lazarsfeld auf 5 Prozent. Fünf. Hinter Gewessler, hinter Meinl-Reisinger. Die Partei von Kreisky ist unter ihm zur Kleinpartei geschrumpft. Die Kreuzerl haben nicht die Dichands gemacht.

Die Versprechen, die blieben, wo sie waren

Und regiert? Die Kindergrundsicherung, sein großes Herzensprojekt, findet sich im Sozialhilfe-Entwurf seiner eigenen Ministerin laut Caritas, Diakonie und Volkshilfe “gar nicht mehr”. Die Mehrwertsteuersenkung auf Lebensmittel, im Jänner groß präsentiert, wird mit einer Paketsteuer bezahlt, die nicht bei den Konsumenten landen sollte. Bei Amazon steht sie heute als eigene Zeile im Warenkorb, und der eigene Koalitionspartner nennt sie “Murks”. Die 32-Stunden-Woche, mit der er 2023 angetreten ist? Im Regierungsalltag hört man von ihr ungefähr so viel wie von der Kindergrundsicherung.

Der Rückzug als Siegesfeier

Den Höhepunkt lieferte er zum Schluss selbst. Babler geht als Vizekanzler, aber erst im Jänner. Als Parteichef, aber nicht sofort. Als Minister gar nicht. Seinen Mitgliedern verkaufte er das per Video als “Riesenerfolg” und “geordnete Übergabe”. Den Krisengipfel nannte er ein Treffen, “zu dem ich eingeladen habe” – laut “Kurier” hatten es Kärnten und die Steiermark verlangt. Und dass er Minister bleibt, sei “der Wunsch von Markus”. Markus Marterbauer antwortete im Ö1-“Morgenjournal” mit einem Satz, der in jede Trennungsgeschichte passt: “Wir verstehen einander gut, sind uns aber nichts schuldig.” 73 Prozent der Österreicher wollen Babler laut IFDD auch als Minister nicht mehr. Politikberater Thomas Hofer nannte ihn eine “lame duck”. Kein Boulevardblatt hätte das schöner formulieren können.

Der Satz, der im “Spiegel” fehlt

Hofer hat in der “ZiB2” noch etwas gesagt. Auf die Frage nach dem Boulevard: “Dieses Rumoren, diese Unzufriedenheit, die gab es auch ohne das Zutun des Boulevards.” Diesen Satz sucht man im “Spiegel” vergeblich. Stattdessen nennt das Magazin die Kampagne “augenscheinlich” und belegt sie mit drei Schlagzeilen. Die Verlage kommen nicht zu Wort, die Landesparteien, die Babler seit Monaten loswerden wollten, auch nicht. Die Pointe der Geschichte – “eine Einigung ist noch nicht in Sicht” – war am Samstag schon Geschichte: Da beschloss die Regierung ein Medienpaket über 50 Millionen. Und ganz am Ende bewirbt der Text einen Podcast, den der “Spiegel” gemeinsam mit dem “Standard” produziert. Jenem Blatt, das von einer Förderung für Qualitätsjournalismus profitieren könnte. Wer anderen Eigeninteressen vorrechnet, sollte die eigene Rechnung nicht in der Schublade lassen.

Die bequemste Ausrede der Welt

Natürlich sprechen Bablers Leute von einer Kampagne. Marterbauer auch. Es ist die tröstlichste Erklärung, die es gibt: Schuld sind immer die anderen. Für die SPÖ ist sie aber auch die gefährlichste. Eine Partei, die glaubt, drei Zeitungen hätten ihren Chef gestürzt, muss sich nie fragen, warum ihr die Wähler davonlaufen. Der Boulevard hat Bablers Abgang genüsslich begleitet, laut, hämisch, mit Eigeninteresse. Aber er hat nur die Kamera gehalten. Die Szenen hat Babler selbst gespielt.

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