APG-Chef: „Europa braucht Atomstrom für den Winter“

APG-Chef: „Europa braucht Atomstrom für den Winter“

Die Versorgung mit erneuerbarer Energie klingt in der Theorie gut – in der Praxis hapert es gewaltig. Gerhard Christiner, Chef des österreichischen Stromnetzbetreibers APG, rechnet im Interview mit Selektiv schonungslos ab: Österreich zahlt jährlich eine Milliarde Euro für Planungsfehler bei der Energiewende. Und ohne französischen Atomstrom würde im Winter das Licht ausgehen.

Die unbequeme Wahrheit über erneuerbare Energie

Was passiert an einem grauen Jännertag, wenn kein Wind weht? Dann produzieren Windräder und Solarpanele praktisch nichts, erklärt Christiner dem Online-Medium Selektiv. Die Lösung: Österreich importiert Strom – auch aus Atomkraftwerken in Frankreich und Tschechien. „Das europäische Stromsystem ist im Winter ohne Kernenergie undenkbar“, stellt der APG-Vorstand klar.

Die österreichische Anti-Atom-Haltung sei zwar verständlich, aber weltfremd. Andere Länder denkten anders – und darauf sei Österreich angewiesen.

Förderung für wertlosen Strom

Die Zahlen sind ernüchternd: Ein Viertel des Solarstroms wurde 2025 genau dann produziert, als niemand ihn brauchte. Der Marktpreis lag bei null oder sogar im Negativbereich. Trotzdem kassieren die Betreiber Förderungen, wie Christiner kritisiert.

Das Grundproblem: Die Politik habe jahrelang nur auf den Ausbau von Wind und Solar geschaut, aber Stromleitungen, Speicher und Digitalisierung vernachlässigt. „Mit dem Slogan ‚Wind und Sonne schicken keine Rechnung‘ hat man sich in diese Lage manövriert“, so der Netzchef im Selektiv-Interview.

Der Milliarden-Aufpreis für fehlende Leitungen

Konkrete Zahlen machen das Versagen sichtbar. Deutscher Strom ist im Schnitt um 9,60 Euro pro Megawattstunde billiger als österreichischer. Bei 70 Terawattstunden Jahresverbrauch summiert sich das auf 650 Millionen Euro. Dazu kommen weitere Kosten durch technische Notmaßnahmen – insgesamt rund eine Milliarde Euro pro Jahr, rechnet die APG vor.

Ein Beispiel aus dem Alltag: An einem Montag kostete die fehlende Leitungskapazität Österreich 20 Millionen Euro an einem einzigen Tag. Der billige deutsche Strom war da – nur die Infrastruktur fehlte, um ihn nach Österreich zu holen.

Neun Milliarden für Leitungen – aber wann?

Der Netzentwicklungsplan der APG sieht bis 2034 Investitionen von neun Milliarden Euro vor, wie das Unternehmen mitteilt. Fast 1000 Kilometer Höchstspannungsleitungen müssen gebaut oder erneuert werden. Die Zahl der Umspannwerke soll um 40 Prozent steigen.

Das Problem: Ein einziges Großprojekt dauert mindestens zehn Jahre, wie Christiner bereits im Profil-Interview 2024 klagte. Umweltverträglichkeitsprüfungen, Einsprüche, Gerichtsverfahren – die Genehmigungen ziehen sich endlos hin.

Gemeinsame Preiszone mit Deutschland? Vergiss es

Manche träumen davon, dass Österreich und Deutschland wieder denselben Strompreis haben. Christiner zerstört diese Illusion: Deutschland wird nie zustimmen. Der Grund ist simpel – die deutschen Netze sind jetzt schon überlastet. Würde noch mehr Strom Richtung Österreich fließen, würde das Deutschland Hunderte Millionen Euro an zusätzlichen Ausgleichskosten verursachen.

Außerdem funktioniert der Stromhandel heute nach physikalischen Gesetzen, nicht nach politischen Wünschen. „Mit der Physik lässt sich nicht verhandeln“, fasst der APG-Chef zusammen.

Energieautarkie wäre unbezahlbar

Auch die Idee, Österreich energieautark zu machen, hält Christiner für Unsinn. Im Winter liefert Photovoltaik viel zu wenig, auch Wasserkraftwerke haben bei niedrigen Temperaturen weniger Leistung. Ein autarkes System würde die Stromkosten explodieren lassen.

Die Alternative: Energiesouveränität statt Autarkie. Österreich braucht verlässliche Partner und ein funktionierendes europäisches Stromnetz. Dafür muss die Infrastruktur aber erst gebaut werden, wie der Industriemagazin-Bericht zeigt.

Frustration eines Netzchefs

Seine deutlichen Worte seien auch „Hilfeschreie“, gibt Christiner im Selektiv-Interview zu. Seit Jahren warne die APG vor den Folgen einer einseitigen Energiepolitik. Gehört habe lange niemand.

Das Fazit ist bitter: Ohne Atomkraft aus dem Ausland friert Österreich im Winter. Ohne massive Investitionen in Stromleitungen zahlt das Land jedes Jahr eine Milliarde Euro zu viel. Und ohne eine Gesamtplanung von Erzeugung, Netzen und Speichern wird die Energiewende unbezahlbar.

Quellen: Exxpress, Selektiv, Austrian Power Grid, Profil, Industriemagazin, OTS
Credits: https://www.apg.at/ueber-uns/organisation/

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