Zweite Woche, nächste Eskalation: In der albanischen Hauptstadt Tirana ist es am Samstag erneut zu schweren Ausschreitungen gekommen. Demonstranten setzten das Umweltministerium in Brand, die Polizei antwortete mit Tränengas und Gummigeschossen. Premierminister Edi Rama kündigt eine Antwort auf die Forderungen an – und droht gleichzeitig den Gewalttätern.
Vom Bildungsministerium zum Amtssitz
Begonnen hatte der Protest am Samstag vor dem Bildungsministerium, organisiert unter anderem von Studierenden, wie die staatliche Nachrichtenagentur ATA laut dpa berichtet. Von dort weitete er sich auf andere Ministerien und Teile der Innenstadt aus, schließlich zogen die Demonstranten vor das Büro von Rama. Eskaliert sei die Lage, als Protestierende das Umweltministerium in Brand setzten. Auf dem zentralen Platz zerstörten junge Demonstranten laut ATA eine Kunstinstallation, um Steine und harte Gegenstände zu sammeln, die sie auf die Polizei warfen. Müllcontainer gingen in Flammen auf.
Molotowcocktails und Gummigeschosse
Laut dem privaten Fernsehsender Klan warfen Demonstranten auch Feuerwerkskörper und Molotowcocktails. Die Polizei setzte Wasserwerfer, Tränengas, Pfefferspray und Gummigeschosse ein, um die Menge zu zerstreuen. Auf beiden Seiten gab es Verletzte. Beamte hätten zudem ein Kamerateam von Klan News angegriffen, berichtete der Sender. Offizielle Zahlen zu Verletzten und Festnahmen vom Samstag lagen zunächst nicht vor.
Rama: Antwort “in Stunden oder Tagen”
Rama, der seit 2013 regiert, schlug am Samstag einen neuen Ton an. Die Regierung werde innerhalb weniger Stunden oder Tage ihre Reaktion auf die Anliegen der Bürger darlegen, sagte er laut ATA. Zugleich warnte er, wer Gewalt schüre oder ausübe, müsse mit strafrechtlichen und finanziellen Konsequenzen rechnen. Schon in der Vorwoche hatte er angekündigt, die Eltern von Schülern und Studenten, die an Ausschreitungen beteiligt sind, für die Schäden zahlen zu lassen. Polizisten, die an der “Front” im Einsatz waren, sollen eine Prämie von 2.500 Euro erhalten. Einen Rücktritt schließt Rama aus, für die Eskalation hatte er “ausländische Hände” verantwortlich gemacht.
Von den Flamingos zu den Ministerien
Der Unmut gegen Rama hatte sich bereits vor Monaten verstärkt. Auslöser war ein von der Regierung unterstütztes Luxus-Resort in einem Naturschutzgebiet an der Adriaküste, hinter dem Trumps Schwiegersohn Jared Kushner steht. Die täglichen Proteste wurden als “Flamingo-Revolution” bekannt, weil in dem Gebiet Flamingos brüten. Mitte Oktober schlossen sich Studierende an, die gegen Missstände an den Universitäten protestieren. In der ersten Woche der Eskalation wurden laut BBC rund 300 Menschen verletzt, die meisten davon Polizisten.
Ein EU-Kandidat in der Krise
Für Albanien kommen die Unruhen zu einem heiklen Zeitpunkt. Das Land verhandelt vergleichsweise fortgeschritten über einen EU-Beitritt und will bis 2030 Mitglied werden. Viele Bürger empfinden die politische Elite aber als korrupt und abgehoben, schreibt dpa. Auch in Österreich sind die Folgen spürbar: Ramas offizieller Besuch bei Bundeskanzler Christian Stocker vergangene Woche wurde kurzfristig abgesagt.
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