Gleich zwei Landtagswahlen in kurzer Folge zeigen dasselbe Muster: Die AfD wächst, die SPD schrumpft – ausgerechnet bei jenen, die die Sozialdemokraten einst als ihre Kernklientel betrachteten.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache
Die Ergebnisse sind mehr als Momentaufnahmen. Wie das ZDF berichtet, erzielte die AfD bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz am 22. März 2026 mit 19,5 Prozent das bis dahin beste Ergebnis, das sie je in einem westdeutschen Bundesland erzielt hat – AfD-Chef Tino Chrupalla sprach von einer Verdopplung gegenüber 2021. Wie die taz berichtet, verlor die SPD in Rheinland-Pfalz 8 bis 9 Prozentpunkte. Zwei Wochen zuvor hatte die AfD laut dem amtlichen Ergebnis des Landes Baden-Württemberg 18,8 Prozent der Zweitstimmen geholt und ihr Ergebnis im Vergleich zur Wahl 2021 nahezu verdoppelt – während die SPD laut Wikipedia auf ihr bundesweit schlechtestes Landtagswahlergebnis aller Zeiten von 5,5 Prozent abstürzte.
Der Riss durch die Arbeiterschaft
Wie der Weltwoche-Kommentar von Oliver Stock festhält, ist die AfD unter Arbeitern in Rheinland-Pfalz inzwischen auf 30 Prozent gekommen – und liegt damit vor der SPD mit 26 Prozent. Das ist nicht nur eine statistische Kuriosität. Es beschreibt einen fundamentalen Identitätsverlust der deutschen Sozialdemokratie: Eine Partei, die einmal die Partei der Gewerkschaften, der Schichtarbeiter und der kleinen Einkommen war, verliert genau diese Gruppe an eine Partei vom anderen Ende des politischen Spektrums.
Die SPD redet über Transformation – ihre Wähler über Strompreise
Die Weltwoche benennt das Grundproblem direkt: Die SPD spricht über gesellschaftliche Verantwortung und Transformation, während der Facharbeiter über seine nächste Nebenkostenabrechnung nachdenkt. Was die Partei als politische Modernisierung versteht, empfinden Teile ihrer früheren Wählerschaft als Entfremdung.
Wie die taz berichtet, forderte Juso-Chef Philipp Türmer nach der Niederlage in Rheinland-Pfalz offen eine Neuaufstellung der Parteiführung: „Klar ist: So wie jetzt kann es nicht weitergehen. Mit diesem Kurs marschieren wir in den Abgrund.“ SPD-Co-Vorsitzende Bärbel Bas lehnte Rücktrittsdebatten ab. Parteichef Lars Klingbeil sagte laut ZDF, man wolle sich künftig stärker um Menschen kümmern, „die in Arbeit sind“ – und signalisierte damit zumindest eine Kurskorrektur in der Selbstwahrnehmung.
Die AfD profitiert von der Leerstelle
Die Weltwoche macht in dem Kommentar einen entscheidenden Punkt: Die AfD gewinnt nicht, weil sie programmatische Überzeugungsarbeit leistet. Ihr Wirtschaftsprogramm ist widersprüchlich, ihre Lösungsangebote oft vage. Sie gewinnt, weil sie benennt, was viele als Realität empfinden – und weil die anderen Parteien den Raum freigemacht haben. Wie Tagesspiegel unter Berufung auf Infratest-Daten aus Baden-Württemberg berichtet, kamen die AfD-Stimmen dort vor allem von ehemaligen Nichtwählern (195.000) und früheren CDU-Wählern (80.000) – aber der Trend zu den Arbeitermilieus ist gesamtdeutsch dokumentiert.
Ein Muster, das sich wiederholt
Was im Osten seit Jahren gilt, kommt nun im Westen an. Wie ZDF berichtet, nahm SPD-Chef Klingbeil die Wahl in Rheinland-Pfalz zum Anlass einzuräumen, die Partei habe „Vertrauen verloren bei Menschen, die in Arbeit sind.“ Das ist eine bemerkenswerte Aussage – und zugleich die verspätete Anerkennung eines Trends, der sich über Jahre aufgebaut hat.
Quellen:
- Weltwoche: „Warum die AfD die neue Arbeiterpartei ist – und die SPD nur noch zuschaut“, Oliver Stock (24.03.2026)
- ZDF heute: Wahlergebnisse und Reaktionen Rheinland-Pfalz 2026 (22./23.03.2026)
- Wikipedia: Landtagswahl Baden-Württemberg 2026
- Baden-Württemberg.de: Vorläufiges amtliches Ergebnis Landtagswahl 2026 (09.03.2026)
- taz.de: „Landtagswahl in Rheinland-Pfalz: AfD mehr als verdoppelt“ (22.03.2026)
- Tagesspiegel: Karte und Wählerwanderung Landtagswahl Baden-Württemberg 2026
Credits: APA
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