Drogenhandel, Betrug, Kindermissbrauch – und alles hinter der Fassade legaler Firmen: Ein neuer Europol-Bericht zeigt, wie tief die organisierte Kriminalität in Europa verwurzelt ist – und warum sie trotz Ermittlungserfolgen wächst.
Der Bericht und seine Kernzahlen
Am 26. Juni präsentierte Europol in Brüssel gemeinsam mit der Europäischen Kommission und der zypriotischen Ratspräsidentschaft den neuen Bericht „Decoding the EU’s Most Threatening Criminal Networks: Issue 2 – The Blueprint of Criminal Opportunism“. Wie EU News unter Berufung auf den Bericht berichtet, erfasst das Dokument 731 kriminelle Netzwerke mit über 400.000 Mitgliedern aus 118 Nationalitäten – das entspricht 60 Prozent des weltweiten Gesamtaufkommens. Laut exxpress sind das fünfmal so viele Kriminelle wie noch vor zwei Jahren.
Zerschlagen und sofort ersetzt
Verglichen mit den 821 Netzwerken von 2024 tauchen 76 Prozent auf der aktuellen Liste nicht mehr auf – doch das ist kein Erfolg, wie Europol-Vizedirektor Jürgen Ebner bei der Pressekonferenz klarstellte: „Es spiegelt lediglich wider, was die Mitgliedstaaten in ihren Ermittlungen beobachten.“ Denn an die Stelle der aufgelösten Netzwerke sind laut EU News 533 neue getreten. Zwischen 2024 und 2026 wurden zwar 623 kriminelle Gruppen aufgelöst – die Regenerationsfähigkeit des Milieus bleibt aber erschreckend hoch.
Drogenhandel vorne, Betrug holt auf
Drogenhandel bleibt laut dem Europol-Bericht der größte Tätigkeitsbereich und macht 36 Prozent der Netzwerke aus. Betrug kommt an zweiter Stelle, wobei Online-Betrug rasant zunimmt. Eines von fünf Netzwerken hat laut EU News direkte Verbindungen nach Lateinamerika, das als Drehscheibe für den Kokainschmuggel nach Europa genutzt wird. Die kalabrische Mafia ‚Ndrangheta und albanische Clans arbeiten dabei laut exxpress eng mit brasilianischen und kolumbianischen Kartellen zusammen – die Erlöse werden anschließend über Restaurants, Hotels und Immobilienprojekte gewaschen.
85 Prozent hinter legaler Fassade
Besonders alarmierend: Laut dem Europol-Bericht nutzen 85 Prozent der kriminellen Netzwerke legale Unternehmensstrukturen, um ihre Aktivitäten zu verschleiern. „Unsere Wirtschaft bleibt tief verwundbar für die Infiltration durch die organisierte Kriminalität“, betonte EU-Innenkommissar Magnus Brunner bei der Pressekonferenz laut EU News. „Wir reden nicht von Straßenbanden, sondern von echten multinationalen Verbrechersyndikaten.“ Anwälte, Buchhalter und Immobilienexperten würden dabei gezielt eingesetzt, um Gewinne in den legalen Wirtschaftskreislauf einzuschleusen, wie exxpress berichtet.
Kinder als Rekruten
Ein besonders beunruhigender Befund betrifft Minderjährige: Laut EU News rekrutieren sechs Prozent der erfassten Netzwerke aktiv Kinder im Alter zwischen 8 und 17 Jahren für riskante Aufgaben – von Drogendeals bis hin zu extremer Gewalt. Dieser Befund hat in der bisherigen Berichterstattung kaum Beachtung gefunden.
Europols Mandat soll wachsen
Die europäische Antwort auf den Befund ist laut EU News bereits beschlossen: Die EU-Kommission schlug gleichzeitig mit dem Bericht vor, Europols Mandat zu erweitern – das Budget soll im Finanzrahmen 2028–2034 auf drei Milliarden Euro verdoppelt werden. Brunner sprach laut EU News von einem „European law enforcement package“, das die Schlupflöcher schließen solle, die Kriminelle ausnutzten.
EINORDNUNG DER REDAKTION
Die Zahlen des Europol-Berichts sind ernüchternd – aber sie sind auch mit Bedacht zu lesen. Dass 76 Prozent der 2024 erfassten Netzwerke heute nicht mehr auf der Liste stehen, klingt zunächst nach Erfolg. Ist es aber keiner: Ermittler zerschlagen Strukturen, und fast genauso viele neue entstehen. Das zeigt das eigentliche Problem: Europas Strafverfolgung bekämpft Symptome, nicht Ursachen. Solange die Gewinnmargen im Drogenhandel und Online-Betrug so hoch bleiben, wird jedes zerschlagene Netzwerk durch ein neues ersetzt. Dass 85 Prozent der Banden hinter legalen Firmenmänteln operieren, macht die Bekämpfung umso schwerer – und macht auch klar, warum Europol eine bessere Einbindung des privaten Sektors und schärfere Geldwäschebekämpfung als Priorität nennt.
Credits: Bild KI-generiert
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