Es ist ein medienpolitisches Erdbeben in Zeitlupe: Heute, am 8. März 2026, stimmt die Schweizer Bevölkerung über die Volksinitiative „200 Franken sind genug! (SRG-Initiative)“ ab – und damit über die Frage, wie viel ihnen ihr öffentlich-rechtlicher Rundfunk wert ist.
Was steht zur Abstimmung?
Privathaushalte bezahlen in der Schweiz derzeit eine Radio- und Fernsehabgabe von 335 Franken pro Jahr. Die Initiative verlangt, diese auf 200 Franken zu begrenzen und sämtliche Unternehmen vollständig von der Abgabepflicht zu befreien. ch.ch Das käme einer faktischen Halbierung der SRG-Einnahmen gleich – weshalb die Vorlage auch als „Halbierungsinitiative“ bekannt ist.
Bei Annahme der Initiative müsste die SRG ihre Programme deutlich reduzieren und Sendungen streichen. Insbesondere würde es weniger Berichterstattung aus den Regionen geben, bestehende Standorte würden wegfallen, und Unterhaltungs- sowie Sportprogramme wären kaum mehr finanzierbar. Ab dem Jahr 2029 erhielte die SRG noch rund 630 Millionen Franken aus der Abgabe – etwa halb so viel wie bisher. SRF
Medienwissenschaftler Matthias Zehnder warnte gegenüber ZDFheute vor den konkreten Folgen: Rund 3.000 Arbeitsplätze müssten gestrichen werden. Erschwerend kommt hinzu, dass die Initiative eine Umsetzung innerhalb von nur 18 Monaten vorschreibt – für ein Unternehmen mit langfristigen Sport-, Miet- und Arbeitsverträgen schlicht kaum machbar. ZDFheute
Wer will die Kürzung – und warum?
Getrieben wird die Volksabstimmung vor allem von der wählerstärksten Partei, der rechten SVP, und der Jungpartei der Freisinnigen (FDP). Teltarif Ihr Argument: Entlastung der Haushalte und mehr Raum für private Medienanbieter.
Junge-FDP-Präsident Jonas Lüthy brachte es auf den Punkt: „Die Zeit des linearen Fernsehens ist vorbei, heute konsumieren wir anders.“ Teltarif Tatsächlich ist der Anteil der 14- bis 25-Jährigen, die noch fernsehen, laut dem Bundesamt für Kommunikation innerhalb von sieben Jahren von 34 auf 24 Prozent gesunken.
Melanie Racine von den Jungfreisinnigen ergänzte gegenüber ZDFheute: Die SRG betreibe heute 17 Radiosender, acht Fernsehsender und bis zu 150 Social-Media-Kanäle – das sei zu breit aufgestellt und konkurriere privaten Medien das Geschäft weg. ZDFheute
Die Gegner: Demokratie braucht starke Medien
SRG-Chefin Susanne Wille betonte: „Mit unseren verlässlichen, vertrauenswürdigen Inhalten leisten wir einen wesentlichen Beitrag zur Meinungsbildung und zur Demokratie in diesem Land.“ Eine drastische Beitragskürzung würde „etwas zerstören, was zu einer verlässlichen, vielfältigen Schweiz gehört.“ Horizont
Rückendeckung kommt auch aus der Wissenschaft: Mehr als 1.000 Professoren haben sich für den öffentlichen Rundfunk stark gemacht. Kommunikationswissenschaftler Mark Eisenegger schrieb im Online-Magazin „Republik“, internationale Studien belegten: In Ländern mit starken, unabhängigen Service-public-Medien funktioniere Demokratie besser. Horizont
Medienwissenschaftler Zehnder fügte eine wenig beachtete Dimension hinzu: In der deutschsprachigen Schweiz erreichen ausländische Sender bereits einen Marktanteil von über 60 Prozent. Eine geschwächte SRG würde also nicht mehr Raum für einheimische Private schaffen – sondern für Sender aus Deutschland, Frankreich und Österreich. ZDFheute
Der Kompromiss, den niemand ganz will
Bundesrat und Parlament lehnen die Initiative ab – sie gehe zu weit. Als Gegenprojekt hat der Bundesrat bereits beschlossen, die Abgabe für Privathaushalte bis 2029 schrittweise auf 300 Franken zu senken und rund 80 Prozent der Unternehmen ab 2027 von der Abgabe zu befreien. admin.ch Den Initianten reicht das nicht.
2018 scheiterte ein noch radikalerer Vorschlag – die vollständige Abschaffung der Rundfunkgebühr – mit gut 70 Prozent Nein-Stimmen. Heute, nach den jüngsten Umfragen, wird das Ergebnis deutlich knapper erwartet. Die anfängliche Zustimmung zur Kürzung ist zuletzt aber spürbar geschmolzen. Teltarif
Die Wahllokale schlossen um 12 Uhr. Das Ergebnis wird im Laufe des Nachmittags erwartet.
Quellen: exxpress.at, ch.ch (Schweizer Bundeskanzlei), admin.ch (Bundesrat), srf.ch, zdfheute.de, horizont.net, teltarif.de
Credits: APA
Neueste Kommentare