Während Frankreich und Spanien in diesem Sommer gegen verheerende Waldbrände kämpfen, verlangt die EU von ihren Mitgliedstaaten gleichzeitig mehr abgestorbenes Holz in den Wäldern. Eine von der EU-Kommission selbst beauftragte Studie zeigt nun: Genau das kann unter bestimmten Bedingungen die Brandgefahr erhöhen. Österreich muss bis 1. September erklären, wie es diesen Widerspruch löst.
Sechs von sieben Zielen müssen steigen
Grundlage der Vorgabe ist die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur, die sogenannte Nature Restoration Regulation. Sie legt für Waldökosysteme sieben Indikatoren fest, an denen sich ein gesünderer Wald messen lassen soll: mehr heimische Baumarten, unterschiedlich alte Bestände, besser vernetzte Waldflächen, mehr Kohlenstoffspeicherung, mehr Artenvielfalt bei Baumarten – sowie zwei Werte für abgestorbenes Holz: stehende tote Bäume und liegende Stämme. Wie exxpress.at berichtet, müssen die Mitgliedstaaten laut Verordnung mindestens sechs dieser sieben Werte im landesweiten Durchschnitt steigern. Da es außerhalb des Totholzes nur fünf weitere Indikatoren gibt, bedeutet das rechnerisch: Jeder Staat muss bei mindestens einer der beiden Totholz-Kategorien zulegen. Der erste Beobachtungszeitraum läuft von August 2024 bis Ende 2030.
Warum Totholz für die Natur wertvoll ist
Der ökologische Gedanke dahinter ist nicht abwegig: Abgestorbene Bäume bieten Lebensraum für Insekten, Pilze und Vögel, speichern Feuchtigkeit und geben beim Verrotten Nährstoffe an den Waldboden ab. Mehr Totholz gilt in der Forstwissenschaft grundsätzlich als Zeichen eines natürlicheren, artenreicheren Waldes.
Die Kehrseite: Was die EU-eigene Studie zeigt
Genau hier liegt aber der Knackpunkt. Die Umweltabteilung der EU-Kommission ließ über die Gemeinsame Forschungsstelle (Joint Research Centre, JRC) eigens untersuchen, ob mehr Totholz die Waldbrandgefahr erhöhen kann. Der Bericht mit dem Titel „Deadwood and Fire Risk in Europe“ kommt dabei zu einem differenzierten Ergebnis, wie aus der Publikation des JRC hervorgeht: Dicke, am Boden liegende Stämme trocknen nur langsam und tragen unter normalen Bedingungen kaum zur schnellen Ausbreitung eines Feuers bei. Anders sieht es bei feinem Material aus – trockenen Nadeln, Zweigen und dünnen Ästen. Diese können laut dem Bericht innerhalb weniger Stunden austrocknen, leicht Feuer fangen und Flammen rasch weitertragen. Nach langen Trockenperioden könnten zudem auch große tote Stämme erheblich zur Hitze eines Feuers beitragen, stundenlang brennen und sogar wochenlang weiterglimmen – mit entsprechenden Folgen für die Rauchbelastung.
Die Lösung der Forscher: gezieltes Wegräumen in Risikogebieten
Die Schlussfolgerung der vom JRC beauftragten Fachleute ist bemerkenswert direkt: In Gebieten mit hoher Waldbrandgefahr könne es notwendig sein, den Wald gezielt auszudünnen und abgestorbenes Holz an besonders kritischen Stellen zu entfernen. Empfohlen werden zudem breite Schutzstreifen, in denen Unterholz und trockene Pflanzenreste beseitigt werden, um Feuer einzudämmen und Einsatzkräften bessere Zufahrtswege zu verschaffen.
Österreichs Spagat
Für Österreich ergibt sich daraus ein doppelter Handlungsdruck. Bis zum 1. September muss die Regierung ihren Entwurf für den nationalen Wiederherstellungsplan nach Brüssel übermitteln und darin festlegen, welche sechs der sieben Waldziele sie wählt und wie sie diese begründet. Wie exxpress.at berichtet, bezeichnete das zuständige Ministerium die Frist bereits im Dezember als „mehr als herausfordernd“ – unter anderem wegen offener Finanzierungsfragen und fehlender Zusagen der EU-Kommission. Erschwerend kommt hinzu, dass die Menge an Totholz in Österreichs Wäldern laut aktueller Waldinventur bereits kontinuierlich steigt: Allein die noch stehenden toten Bäume entsprechen mittlerweile rund drei Prozent des gesamten heimischen Holzvorrats.
Immerhin lässt die Verordnung selbst einen gewissen Spielraum: Da die Zielwerte nur im landesweiten Durchschnitt erreicht werden müssen, könnte Österreich in feuchten, wenig brandgefährdeten Regionen mehr Totholz belassen und es gleichzeitig rund um Siedlungen oder in besonders trockenen Gebieten gezielt entfernen. Die Verordnung schreibt vor, die Waldbrandgefahr grundsätzlich zu berücksichtigen – wie dieser Spagat konkret gelingen und wer die damit verbundenen Kosten tragen soll, lässt sie allerdings offen.
Credits: European Union , 2026
Neueste Kommentare