Über 15 Stunden, Schreiattacken weit nach Mitternacht und eine Überraschung beim Stimmzettel: Was bei der ORF-Generaldirektorenwahl wirklich passiert ist — und warum das Nachspiel gerade erst beginnt.
Der Eklat um 2 Uhr morgens
Die Sitzung endete, wie sie begonnen hatte: mit lautstarken Zusammenstößen. ÖVP-Stiftungsrat Bernhard Wiesinger bedankte sich laut oe24.at-Insiderbericht von Chefredakteurin Isabelle Daniel in der Schlussrunde bei allen Kollegen — außer bei Peter Westenthaler: Dieser habe „agiert wie ein Wut-Chihuahua.“ Westenthalers Konter kam prompt: „Das ist ein Tier-Vergleich wie bei den Nazis. Das ist ein Skandal.“ Damit endete offiziell eine der hitzigsten ORF-Stiftungsratssitzungen der Geschichte.
Den ersten Eskalationsmoment hatte es bereits zu Mittag gegeben: Als ÖVP-Stiftungsrats-Vizechef Gregor Schütze Westenthaler mit dem Satz „wir sind hier nicht am Fußballplatz“ bremsen wollte, schrie dieser zurück: „Putz dich.“
Das Ergebnis und seine Überraschung
21 Stiftungsräte votierten für Clemens Pig — mehr als die nötigen 18. Was laut oe24.at überraschte: Jener Kandidat, den Bundeskanzler Stocker angeblich favorisierte, erhielt mehr Stimmen von roten als von türkisen Stiftungsräten. Die SPÖ stimmte fast geschlossen für Pig — einziger Abweichler war Leonhard Dobusch, der für Lisa Totzauer votierte.
In der ÖVP gab es hingegen gleich fünf Abweichler: Stiftungsräte aus Oberösterreich und Niederösterreich — beide schwarz-blau regiert — sowie zwei weitere ÖVP-Vertreter und ein steirischer Stiftungsrat wählten Außenseiter Johannes Larcher, der damit auf sechs Stimmen kam. Vier Stimmen gingen an Markus Breitenecker, drei Stimmen an Lisa Totzauer. Eine einzige Stimme erhielt ORF3-Chefin Kathrin Zierhut — und die kam von Westenthaler selbst.
Das Direktoren-Paket wackelt bereits
Laut oe24.at sollen ÖVP und SPÖ hinter den Kulissen bereits die vier Direktorenposten aufgeteilt gehabt haben: kaufmännische Direktion und Technik für die ÖVP, Programm und Radio für die SPÖ. Doch mehrere Eingeweihte erklärten gegenüber oe24.at: „Das wird nie und nimmer halten. Das wird jetzt ganz aufgeschnürt.“ Alle bereits genannten Namen seien „verbrannt.“
Dass Kathrin Zierhut die mächtige kaufmännische Direktion erhalten könnte, würden laut oe24.at „sowohl Rote als auch Schwarze ablehnen.“ Das wiederum könnte der FPÖ Munition für eine Popularbeschwerde liefern — unter Berufung auf das Gleichstellungsgesetz, das bei gleicher Qualifikation Frauen den Vorrang gibt.
Was als nächstes kommt
Pig hat bis zur Direktorensitzung am 21. Juli Zeit, ein möglichst unabhängiges Team zusammenzustellen. Doch der Druck ist bereits spürbar: „Die SPÖ hat so geschlossen für ihn gestimmt, dass die sicher auf Chefredaktions- und Infobesetzungen drängen werden“, zitiert oe24.at ungenannte Regierungskreise aus ÖVP und NEOS. Das Thema ORF-Postenpolitik ist damit nicht beendet — es fängt gerade erst an.
Einordnung
Der Bericht zeigt: Die ORF-Wahl war keine unabhängige Personalentscheidung, sondern ein politisches Kräftemessen mit klaren Lagern, Abweichlern und bereits ausgehandelten Folgegeschäften. Dass ausgerechnet die SPÖ geschlossener für den angeblichen ÖVP-Wunschkandidaten stimmte als die ÖVP selbst, ist das vielleicht pikanteste Detail des Abends — und ein Hinweis darauf, dass die Koalitionslogik des Proporzes im ORF ihre eigene Dynamik entwickelt.
Credits: Von Rszuka – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=129004598
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