Justizministerin Anna Sporrer musste sich im ZIB2-Interview unangenehmen Fragen stellen. Die Überbelegung der Gefängnisse wird zum politischen Problem – und die Zahlen sprechen eine klare Sprache.
98 Häftlinge pro 100.000 Einwohner
Justizministerin Anna Sporrer (SPÖ) geriet am Montagabend im ZIB2-Interview mit ORF-Star Armin Wolf unter Druck. „Seit Jahren ist die Überbelegung der Gefängnisse ein Problem“, konfrontierte Wolf die Ministerin. Die Zahlen sind eindeutig: In Österreich sitzen 98 Menschen pro 100.000 Einwohner im Gefängnis – in Deutschland sind es nur 71.
Sporrer verwies auf die gestiegene Bevölkerungszahl: „Wir sind um zwei Millionen mehr als vor 25 Jahren.“ Die Probleme seien „leider die Versäumnisse meiner Vorgänger und Vorgängerinnen“, sagte die SPÖ-Ministerin. Damit meint sie unter anderem die grüne Ex-Justizministerin Alma Zadic, wie OE24 berichtet.
Nur 208 von 2.000 EU-Häftlingen zurückgeschickt
Der brisanteste Teil des Interviews drehte sich um ausländische Häftlinge. Wolf konfrontierte Sporrer mit einer unbequemen Zahl: 20 Prozent der Häftlinge sind EU-Bürger. Das sind fast 2.000 Menschen, die theoretisch ihre Strafe im Heimatland absitzen könnten.
„Warum werden sie nicht in die Heimat geschickt?“, bohrte Wolf nach. „Das wird laufend gemacht“, setzte Sporrer an. Doch Wolf ließ nicht locker: „Das waren 208 im letzten Jahr von knapp 2.000.“
Die Ministerin versuchte zu erklären: „Wir machen das nur bei jenen Häftlingen, die eine längere Strafe absitzen müssen.“ Sonst sei es zu bürokratisch. Nach Angaben der Ministerin könnten Ausländer, die in Österreich verurteilt werden, die Haft auch in ihrer Heimat absitzen. Mit EU-Staaten funktioniere das sehr gut, wie die APA berichtete. Man sei aber auch in Verbindung mit Staaten am Westbalkan oder Maghrebstaaten.
Nervöse Momente vor laufender Kamera
„In der Mitte der Sendung merkte man der Ministerin dann doch die Nervosität an“, schreibt OE24. Beim Wort „Resozialisierung“ verhaspelte sich Sporrer mehrfach – ein ungewöhnlicher Moment für eine erfahrene Politikerin.
Das Interview fand vor dem Hintergrund eines tragischen Todesfalls in der Justizanstalt Hirtenberg statt. Ein psychisch kranker Häftling war am 3. Dezember 2025 an Verletzungen gestorben. Sporrer hatte am selben Tag eine Expertenkommission angekündigt, die strukturelle Mängel im Strafvollzug analysieren soll.
Zwei neue Gefängnisse geplant
Die Situation in Österreichs Gefängnissen ist prekär. Sporrer hatte bereits im Dezember 2025 im APA-Interview zwei Lösungsansätze skizziert: den Bau neuer Haftanstalten und die verstärkte Rücküberstellung ausländischer Häftlinge.
„Die Situation in den Strafanstalten ist ernst. Es gibt einen Überbelag und es gibt zu wenig Personal“, warnte Sporrer damals. Im kommenden Jahr sollen zwei Bauvorhaben auf den Weg gebracht werden: eine Justizanstalt und ein forensisch-therapeutisches Zentrum „im Westen“ Österreichs.
Gespräche mit Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) seien bereits „avisiert“. Allerdings dürfte der Bau Sporrers Amtszeit überdauern – neue Gefängnisse sind keine schnelle Lösung.
Deutschland macht es anders
Der Vergleich mit Deutschland zeigt: Österreich hat ein strukturelles Problem. Mit 98 Häftlingen pro 100.000 Einwohner liegt die Inhaftierungsrate deutlich über dem deutschen Wert von 71. Die Frage, warum Österreich bei ähnlichem Rechtssystem so viel mehr Menschen einsperrt, blieb im ZIB2-Interview unbeantwortet.
Klar ist: Die Überbelegung der Gefängnisse wird zum Dauerthema für die Justizministerin. Und Armin Wolf hat gezeigt, dass die einfachen Antworten in dieser Debatte nicht ausreichen.
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