Wiens muslimische Jugend: Was eine Studie aufdeckt — und warum sie niemanden kaltlässt

Wiens muslimische Jugend: Was eine Studie aufdeckt — und warum sie niemanden kaltlässt

1221 Jugendliche befragt, ein Ergebnis, das aufhorchen lässt: Teile der muslimischen Jugend in Wien lehnen Demokratie ab, hegen antisemitische Ressentiments — und wären bereit, für ihren Glauben zu sterben. Studienautor Kenan Güngör sagt: Es ist kein Randproblem mehr.

Was die Studie zeigt

Im Auftrag der Stadt Wien befragte Sozialwissenschaftler Kenan Güngör gemeinsam mit dem Forschungsinstitut think.difference 1221 Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren — auf der Straße in Favoriten, an der Mariahilfer Straße, vor dem Donauzentrum und online. Wie heute.at berichtet, sind die Ergebnisse laut Güngör selbst „sehr bedenklich“.

Die zentralen Befunde: 73 Prozent der schiitischen und 68 Prozent der sunnitischen Muslime bezeichnen sich als sehr oder eher religiös — bei gleichaltrigen Katholiken sind es laut heute.at 41 Prozent. Brisant: 41 Prozent der muslimischen Jugendlichen stimmen der Aussage zu, dass religiöse Vorschriften über den Gesetzen in Österreich stehen. Ein erheblicher Teil lehnt demokratische Grundwerte ab, hegt antisemitische Ressentiments und zeigt Bereitschaft zur religiös motivierten Gewalt.

Was Güngör daraus schließt

Im NewsFlix-Interview erklärt der Studienleiter, was ihn am meisten überrascht hat: „Muslimische Jugendliche haben zu vielen Themen tatsächlich eine problematischere Einstellung als nichtmuslimische.“ Aber — und das ist entscheidend — Herkunft und Religion erklären diese Unterschiede laut Güngör nur teilweise. „Die größten Treiber für solche abwertenden Einstellungen sind Vereinsamung, Isolierung und Orientierungslosigkeit.“ Und: 70 bis 80 Prozent dessen, was Jugendliche über den Islam auf Social Media mitbekämen, stamme aus problematischen Quellen.

Als Konsequenz fordert Güngör laut heute.at keinen Islamunterricht, sondern einen standortspezifischen Demokratie- und Ethikunterricht — denn die Herausforderungen in städtischen Brennpunkten seien andere als auf dem Land.

30 Prozent Muslime sehen zu viele Muslime im Land

Eine der überraschendsten Zahlen der Studie: Wie die Krone berichtet, sind rund 30 Prozent der befragten muslimischen Jugendlichen selbst der Meinung, dass es in Österreich zu viele Muslime gibt. Das zeigt, wie gespalten die Gruppe in sich ist — und widerspricht dem Bild einer homogenen „muslimischen Jugend“.

Die Gegenstimme: Türkische Kulturgemeinde kritisiert Methodik

Die Studie blieb nicht ohne Widerspruch. Die Türkische Kulturgemeinde Österreich (TKG) übte laut ihrer eigenen Stellungnahme scharfe methodische Kritik: Im veröffentlichten Bericht finde sich kein Hinweis auf elterliche Zustimmung, kein Dokumentationsnachweis und kein Ethikvotum für die Befragung von Minderjährigen ab 14 Jahren. Die TKG wirft Güngör außerdem vor, in einem Presse-Interview vom 7. Mai 2026 Aussagen ohne erkennbare empirische Grundlage getroffen zu haben.

Diese Kritik ist methodisch ernst zu nehmen — ändert aber nichts an der Grundfrage, die die Studie aufwirft.

Einordnung: Kein Generalverdacht, aber kein Wegschauen

Güngör selbst warnt ausdrücklich vor einer pauschalen Verurteilung. Die Mehrheit der muslimischen Jugendlichen steht hinter demokratischen Werten. Und die Ursachen für problematische Einstellungen — Isolation, Orientierungslosigkeit, Social-Media-Radikalisierung — betreffen nicht nur Muslime.

Was die Studie zeigt, ist ein strukturelles Versagen: Integration ist in Teilen Wiens nicht gelungen — nicht wegen des Islams an sich, sondern weil Bildung, soziale Einbindung und Wertevermittlung nicht funktioniert haben. Das ist ein politisches Problem. Und es braucht politische Antworten — keine pauschalen Urteile.

Credits: Magdalena Possert

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