Wien will Bildungsgeschichte schreiben: Die Volksschule soll künftig nicht mehr vier, sondern sechs Jahre dauern. Parallel zur neuen Kindergarten-Kampagne präsentierte Bildungsstadträtin Bettina Emmerling (NEOS) am Montag ihre Pläne, Wien zur Modellregion für eine verlängerte Grundschulzeit zu machen.
Trennung mit zehn Jahren unter Beschuss
„Wir halten die Trennung von zehnjährigen Kindern in gute und schlechte Schüler nicht für förderlich“, betonte Emmerling gegenüber ORF Wien heute. Das Vorhaben ist Teil des Wiener Regierungsprogramms, das konkret vorsieht: „Wir sind aktiver Partner bei den Plänen der Bundesregierung hinsichtlich der Erleichterung der Modellregion ‚Gemeinsame Schule‘ der 6–14-Jährigen bzw. 6-jährige Volksschule und treffen als Stadt die notwendigen Vorkehrungen zur Pilotierung.“
Unterstützung kommt aus der Wissenschaft. Susanne Schwab, Professorin für Schulpädagogik an der Universität Wien, bezeichnet den Plan als „wünschenswerten Schritt“. Die Bildungswissenschafterin argumentiert, eine längere Volksschulzeit reduziere den Leistungsdruck und gebe Kindern mehr Zeit zur Entwicklung. „Wir selektieren zu früh und damit zementieren wir Bildungslaufbahnen einfach bereits nach vier Jahren“, erklärte Schwab gegenüber ORF Wien heute.
Kindergarten-Reform läuft parallel
Die Bildungsoffensive der NEOS erstreckt sich über mehrere Bereiche. Am Montag startete zeitgleich eine Kampagne unter dem Motto „Das, was wirklich zählt“ zur Kindergarten-Reform. Emmerling kündigte dabei an, das Berufsfeld Kindergarten für weitere Berufsgruppen zu öffnen. Logopäden, Ergotherapeuten und Quereinsteiger sollen künftig leichteren Zugang erhalten. Im März folgt die Reform des Fördersystems für Kindergärten.
„Man wolle den Kindergarten neu denken“, wie Emmerling betonte. Die Maßnahmen zielen auf verbesserte Rahmenbedingungen für Pädagogen und Kinder ab – mehr Zeit für individuelle Betreuung und intensivere Sprachförderung stehen im Fokus.
Opposition übt scharfe Kritik
Die Reaktionen der Opposition fielen heftig aus. Maximilian Krauss, Bildungssprecher und Klubobmann der Wiener FPÖ, bezeichnete die Kampagne als weiteren „Beleg für die jahrelange Untätigkeit“ der NEOS. Eine Kampagne ersetze keine echten Reformen gegen Personalmangel oder für bessere Sprachkenntnisse.
Harald Zierfuß, Klubobmann der Wiener ÖVP, kritisierte das Vorhaben als „absurdes Ablenkungsmanöver vom pinken Totalversagen in Wiens Kindergärten“ und als „Selbstbeweihräucherung“. Die Kampagne sei kein Ersatz für Deutschförderung, personelle Aufstockung oder funktionierende Fördermittelkontrolle.
Auch die Grünen meldeten sich zu Wort. Julia Malle und Felix Stadler, Bildungssprecher der Wiener Grünen, bemängelten laut ORF-Bericht, es sei fahrlässig, dass sich die NEOS „lieber mit schönen Schlagworten“ beschäftigen, anstatt sich „gravierenden Problemen“ zu widmen. Die Situation für Kinder, Pädagogen und Eltern habe sich in den letzten fünf Jahren unter der Zuständigkeit der NEOS nicht verbessert.
Umsetzung noch offen
Konkrete Details zum Pilotprojekt der sechsjährigen Volksschule blieben bislang vage. Wann und ob das im Regierungsprogramm verankerte Vorhaben tatsächlich umgesetzt wird, ist noch unklar. Die Stadt Wien will sich als „aktiver Partner“ der Bundesregierung positionieren und die „notwendigen Vorkehrungen zur Pilotierung“ treffen.
Die Debatte um die Schulreform dürfte damit erst am Anfang stehen. Während die Opposition Taten statt Worte fordert, sieht die Bildungsstadträtin Wien auf dem Weg zur Modellregion für ein moderneres Schulsystem.
Credits: APA
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