Wiederkehrs „Plan Zukunft“: Österreichs Schule soll von Grund auf neu gedacht werden

Wiederkehrs „Plan Zukunft“: Österreichs Schule soll von Grund auf neu gedacht werden

Sechs Jahre Volksschule, keine Vorschulklassen mehr, neue Fächer, eine Mittlere Reife – Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) hat am Dienstag den Startschuss für seine umfassende Bildungsreform gegeben.


Der Ausgangspunkt: Zu viele Jugendliche verlassen die Schule ohne Grundkenntnisse

Hinter der Reform steht eine klare Diagnose. Wie ORF berichtete, betonte Wiederkehr, dass derzeit zu viele Jugendliche die Schule verließen, ohne ausreichend lesen, schreiben und rechnen zu können – und gleichzeitig dem kritischen Umgang mit KI und anderen modernen Entwicklungen nicht gewachsen seien. Menschen, die nicht lesen können, seien laut Wiederkehr auch empfänglicher für Populismus und Extremismus: „Das ist eine Gefahr für die Demokratie.“

Das über 140 Seiten starke Reformpapier wurde nach einer großen Bürgerbefragung und Foren ausgearbeitet. Manche Maßnahmen reichen laut Wiederkehr bewusst über den nächsten Wahltag hinaus.

Keine Vorschule, sechs Jahre Volksschule

Die wohl auffälligste strukturelle Änderung: Vorschulklassen sollen abgeschafft werden. Wie oe24 und die Salzburger Nachrichten berichteten, sollen Kinder mit Förderbedarf stattdessen entweder ein Jahr länger im Kindergarten bleiben oder direkt in eine erste Klasse mit zusätzlicher Lehrkraft einsteigen. Die Volksschule selbst soll von vier auf sechs Jahre verlängert werden – ein Modell, das bereits in einem Pilotprojekt mit der Stadt Wien erprobt wird. Statt einer frühen Trennung der Kinder sind „temporäre Leistungsgruppen mit hoher Durchlässigkeit“ vorgesehen.

Schulen sollen in den ersten drei Volksschulklassen außerdem selbst entscheiden dürfen, ob sie Ziffernnoten oder alternative Beurteilungsformen einsetzen.

Mittlere Reife als Pflichtabschluss

Ein weiterer Kernpunkt: Die Pflichtschulzeit endet künftig erst dann, wenn Jugendliche die zentralen Grundkompetenzen für die sogenannte Mittlere Reife nachweislich erreicht haben – oder wenn sie mit 18 Jahren die Ausbildungspflicht beenden. Wie meinbezirk.at berichtete, bedeutet das konkret: Lesen, Schreiben und Rechnen als Mindeststandard für den Schulabschluss.

Neue Fächer, flexiblere Lehrpläne

Für die Sekundarstufe plant Wiederkehr laut ORF neue Pflichtfächer: „Demokratie, Kommunikation und Konfliktlösung“ sowie Wirtschaftsbildung kombiniert mit Berufsorientierung – sowohl für Mittelschulen als auch für die AHS-Unterstufe. Schüler ohne Religionsunterricht sollen verpflichtend Ethik besuchen müssen. Lehrpläne sollen künftig laufend angepasst werden, unter Einbeziehung von Rückmeldungen aus Schulen, Elternhaus und Schülerschaft.

Langfristig sieht Wiederkehrs Vision sogar vor, dass nur noch Lesen, Schreiben und Rechnen als Pflichtinhalte gelten – alles andere als wählbare „Kür-Module“, aus denen Kinder je nach Interesse ihre Stundentafel selbst zusammenstellen können.

Schulleitungen mit mehr Macht – auch beim Personal

Wie die Salzburger Nachrichten berichteten, sollen Schulleitungen künftig nicht nur mehr organisatorische Freiheit erhalten, sondern auch selbst Personal auswählen und gegebenenfalls wieder kündigen können. Pädagogische Hochschulen und Lehramtsstudien an Unis sollen zu einer gemeinsamen „School of Education“ zusammengeführt werden.

Reaktionen: Von Zustimmung bis „PR-Show“

Die Industriellenvereinigung und die Wirtschaftskammer begrüßen laut oe24 die Schwerpunkte auf Elementarbildung und Wirtschaftskompetenz. Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl sieht „gute Ansätze“, mahnt aber zu Prioritäten. Die Grüne Bildungssprecherin Sigrid Maurer ist skeptisch: Vom Ankündigen alleine werde nichts im Klassenzimmer ankommen. FPÖ-Bildungssprecher Hermann Brückl bezeichnet den Plan als „realitätsfernes Konzept ohne konkrete Lösungen“ – kurz: eine „PR-Show“.

Credits: APA

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