Martha Schultz wirft die Idee kürzerer Sommerferien in den Raum, Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) lässt keine Zeit verstreichen: keine Verkürzung, Punkt. Doch was steckt eigentlich hinter seiner Begründung – und wie hält sie der Forschung stand?
Die Position des Ministers
Auf APA-Anfrage begründete Wiederkehr seine ablehnende Haltung so: „Kinder und Jugendliche brauchen ausreichend Zeit im Sommer, um Kraft und Energie für das neue Schuljahr zu tanken. Eine generelle Verkürzung der Sommerferien sehe ich daher nicht.“ Als konkrete Alternative zu einer Kürzung verweist er auf bestehende und geplante Betreuungsangebote: Mit der für Kinder mit unzureichenden Deutschkenntnissen verpflichtenden Sommerschule leiste man bereits einen Beitrag, um Erziehungsberechtigte zu entlasten – „und das sind nicht nur Frauen“, wie er betont. Zusätzlich sollen Sommercamps, wie sie etwa in Wien bereits angeboten werden, künftig österreichweit ausgebaut werden. So könnten Eltern entlastet werden, während Kinder und Jugendliche sich gleichzeitig erholen könnten.
Der Auslöser: Schultz‘ Vorstoß
Wirtschaftskammer-Präsidentin Martha Schultz, die auch den ÖVP-Wirtschaftsbund leitet, hatte in der Ö1-Reihe „Im Journal zu Gast“ gefordert, sechs statt neun Wochen Sommerferien seien ausreichend. Ihr Hauptargument war die Situation berufstätiger Mütter, die weiterhin den Großteil der Betreuungsarbeit übernehmen. Sowohl aus ihrer eigenen Branche als auch aus anderen Wirtschaftsbereichen höre sie immer wieder Klagen über die Länge der Sommerferien, so Schultz.
Was die Forschung zum Lernverlust zeigt
In der öffentlichen Debatte bislang unerwähnt blieb ein zweiter Strang der Kritik an langen Ferien: der sogenannte „Summer Slide“, also der dokumentierte Lernverlust über die Sommerpause. Bereits eine Metaanalyse aus dem Jahr 1996, die 39 Einzelstudien zusammenfasste, bezifferte den durchschnittlichen Rückgang mit rund einem Monat schulischen Fortschritts, besonders betroffen waren Mathematik und Rechtschreibung. Eine deutlich größere, neuere US-Studie mit fast 18 Millionen Schülern der ersten bis sechsten Schulstufe fand bei mehr als der Hälfte der Kinder jeden Sommer erneuten Lernverlust – im Schnitt zwischen 25 und 34 Prozent des im Schuljahr erarbeiteten Mathematikfortschritts, mit kumulativem Effekt über mehrere Jahre hinweg. Der international anerkannte Bildungsforscher John Hattie kommt in seinen vielzitierten Metaanalysen sogar zu dem Ergebnis, dass von langen Ferienphasen der stärkste negative Einzeleffekt auf den schulischen Lernfortschritt überhaupt ausgeht. Genau dieses Argument hatte bereits der Landesverband der Wiener Pflichtschulelternvereine vorgebracht, der schon vor Monaten öffentlich dieselbe Forderung wie Schultz gestellt hatte – ebenfalls mit Verweis auf nachweisbare Wissensverluste in Mathematik und Rechtschreibung.
Was für lange Ferien spricht
Auf der anderen Seite steht ebenfalls solide Forschung, die für ausgedehnte Erholungsphasen spricht. Der Präsident des Bayerischen Lehrerverbands, Klaus Wenzel, warnt seit Jahren davor, dass Kinder aus mit Nachhilfe und Förderprogrammen überfrachteten Ferien erschöpfter zurückkommen, als sie hineingegangen sind – „Druck und Anspannung der Schüler sind enorm“, so sein Befund. Die britische Kinderpsychologin Lyn Fry und die Forscherin Teresa Belton von der University of East Anglia betonen zudem, wie wichtig unstrukturierte Zeit und selbst Langeweile für die kindliche Kreativität und Selbstfindung sind.
Credits: BKA/Valentin Brauneis
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