Martha Schultz wirft einen Vorschlag in den Raum, und sofort ist die Aufregung da. Sommerferien kürzen, von neun auf sechs Wochen. Auf den ersten Blick klingt das nach einem reinen Wirtschaftskammer-Reflex, dem es letztlich nur um Arbeitskräfte geht. Schaut man genauer hin, ist die Sache komplizierter. Und interessanter.
Woher kommen die neun Wochen eigentlich?
Fangen wir vorne an. Sommerferien gab es in Österreich nicht immer, und schon gar nicht, weil man Kindern etwas Gutes tun wollte. Im 18. und frühen 19. Jahrhundert fiel die schulfreie Zeit genau in die arbeitsreichste Phase auf den Feldern – Kinder wurden gebraucht, um zu ernten, nicht um sich auszuruhen. Erst 1875 kamen die ersten „echten“ Sommerferien, damals noch kurz und je nach Region unterschiedlich. Der Auslöser war, mit Verlaub, nicht besonders romantisch: Man hatte festgestellt, dass viele Kinder nach dem Schuljahr derart ausgelaugt waren, dass sie später als Erwachsene nicht mehr tauglich fürs Militär waren. Erst ab 1900 rückte tatsächlich Erholung als eigener Wert in den Fokus. Die heute übliche Dauer von neun Wochen hat sich zwischen 1950 und 1970 eingependelt – und ist seither, mehr oder weniger unangetastet, so geblieben. Das heißt: Die Zahl neun ist kein pädagogisches Optimum, das jemand ausgerechnet hat. Es ist ein historischer Zufallstreffer aus der Nachkriegszeit.
Im internationalen Vergleich liegt Österreich damit ziemlich genau in der Mitte. Länder wie Italien, Portugal oder Griechenland gönnen ihren Schülern über zwölf Wochen schulfrei, Norwegen und die Niederlande dagegen nur sechs bis sieben. Schultz‘ Vorschlag würde Österreich also nicht zum Außenseiter machen, sondern eher an den nordeuropäischen Rand rücken.
Schultz ist nicht die Erste mit dieser Idee
Was in der aktuellen Debatte gerne untergeht: Schultz hat sich diese Forderung nicht selbst ausgedacht. Der Landesverband der Wiener Pflichtschulelternvereine hatte bereits vor Monaten öffentlich genau dasselbe verlangt – sechs statt neun Wochen. Die Begründung der Elternvertretung war dabei deutlich konkreter als das, was man jetzt von der WKÖ-Präsidentin hört: „Überlange Ferien“ würden vor allem in Mathematik und Rechtschreibung zu nachweisbaren Wissensverlusten führen, dazu kämen handfeste Betreuungsprobleme für berufstätige Eltern. Verbandssprecher Brockmeyer brachte es pointiert auf den Punkt: Die neunwöchigen Ferien seien historisch nur mit den Bedürfnissen einer längst vergangenen, arbeitsintensiven Landwirtschaft zu erklären – „zum Heuen muss heute wohl niemand mehr“. Die durch eine Kürzung gewonnenen drei Wochen sollten nach Vorstellung der Elternvertreter nicht einfach zu Unterricht werden, sondern für Projekttage, Förderangebote und die Stärkung individueller Talente genutzt werden.
Was die Forschung zum Lernverlust sagt
Und hier wird es tatsächlich spannend, denn das Argument „Kinder vergessen in den langen Ferien viel zu viel“ ist keine gefühlte Behauptung, sondern international gut erforscht. Der sogenannte „Summer Slide“ – also der Lernverlust über die Sommerpause – ist seit einer wegweisenden Studie aus dem Jahr 1996 dokumentiert, die 39 Einzelstudien zusammenfasste: Der durchschnittliche Verlust entsprach damals rund einem Monat schulischen Fortschritts, wobei Mathematik und Rechtschreibung am stärksten betroffen waren. Neuere, deutlich größere Untersuchungen bestätigen und verschärfen dieses Bild sogar: Eine Studie im „American Educational Research Journal“, die knapp 18 Millionen US-Schüler der ersten bis sechsten Schulstufe über fünf aufeinanderfolgende Sommer verfolgte, fand bei mehr als der Hälfte der Kinder jedes Jahr erneuten Lernverlust – im Schnitt zwischen 25 und 34 Prozent des im Schuljahr erarbeiteten Mathematikfortschritts. Besonders unangenehm: Dieser Effekt kumuliert sich. Ein einzelner verlorener Sommer ist aufholbar, mehrere Jahre ohne Gegensteuerung können ein Kind bis zur Mittelstufe um mehrere Schulstufen zurückwerfen. Auch der weltbekannte Bildungsforscher John Hattie kommt in seinen vielzitierten Metaanalysen zu einem eindeutigen Befund: Von langen Ferienphasen geht der größte negative Effekt auf den schulischen Lernfortschritt überhaupt aus.
Aber: Kinder sind keine kleinen Lernmaschinen
Genauso ernst zu nehmen ist allerdings die Gegenseite. Kinder- und Jugendpsychologen warnen seit Jahren eindringlich davor, Ferienzeit ausschließlich unter dem Aspekt des Lernerfolgs zu betrachten. Der Präsident des Bayerischen Lehrerverbands, Klaus Wenzel, machte bereits vor Jahren öffentlich, dass Lehrer zunehmend beobachten, wie Kinder nicht erholt, sondern müde und abgeschlagen aus vermeintlich freien Tagen zurückkommen – weil Eltern die Ferienzeit immer öfter mit Nachhilfe und Förderprogrammen vollstopfen. Sein Befund war unmissverständlich: „Druck und Anspannung der Schüler sind enorm.“ Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang gerne vom „Over-Scheduling“ – dem Überfrachten kindlicher Terminkalender selbst in der eigentlich freien Zeit. Die britische Kinderpsychologin Lyn Fry warnt, dass Kinder dadurch nie lernen, ihre Freizeit selbst zu gestalten, wenn Eltern sich ständig verantwortlich fühlen, sie zu bespaßen. Noch grundsätzlicher wird die Forschung von Teresa Belton von der University of East Anglia: Sie zeigt, wie zentral schlichte Langeweile für die kindliche Gehirnentwicklung ist, weil erst daraus die inneren Reize entstehen, die Kreativität und Selbstfindung überhaupt erst ermöglichen. Auch die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Inés Brock-Harder betont: Nach einem Schuljahr voller Prüfungsdruck, festem Zeitrahmen und sozialem Anpassungsdruck hätten Kinder schlicht ein Recht auf echte Auszeit – ganz genauso wie Erwachsene ihren Erholungsurlaub brauchen.
Zwei Wahrheiten, ein ungelöster Widerspruch
Am Ende zeigt sich: Beide Seiten haben recht, und genau das macht die Debatte so schwierig. Die Forschung zum Lernverlust ist solide und alarmierend. Die Forschung zum kindlichen Erholungsbedürfnis ist es ebenso. Wer nur die eine Hälfte zitiert – sei es Schultz mit dem Verweis auf berufstätige Mütter, sei es ein Kritiker mit dem reflexartigen „Kinder brauchen ihre Pause“ –, macht es sich zu einfach. Die eigentliche Frage lautet nicht „sechs oder neun Wochen“, sondern: Wie gestaltet man eine Ferienzeit, die Kindern echte Erholung und Langeweile zugesteht, ohne sie am Ende mit einem dreimonatigen Wissensvakuum ins neue Schuljahr zu entlassen? Darauf hat bislang weder die Wirtschaftskammer noch die Elternvertretung noch die Politik eine wirklich überzeugende Antwort geliefert. Schultz‘ Vorschlag mag also unbequem klingen – ganz falsch liegt sie mit ihrer Forderung nach einer ernsthaften Diskussion aber offenbar nicht.
Credits: WKO
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